Im (badischen) Dschungel: der Hödinger Tobel

Bei einer Firma, bei der ich schon einige Jahre als Dienstleisterin tätig bin, gehöre ich offensichtlich schon so zum Inventar, dass ich das Glück habe, zum Kollegenausflug mitgenommen zu werden. Und nicht nur mitgenommen, in kürzester Zeit bin ich zu einem der Köpfe des Orga-Teams aufgestiegen. Gestern war es wieder einmal so weit: er fand zum geplanten Termin statt, da uns die Meteorologen uns mit einem Azorenhoch günstige Bedingungen prognostizierte.

Man traf sich im Zug nach Überlingen. Von dort würde uns ein Bus an den Rand des kurz hinter Überlingen steil aufragenden Hangs direkt am gleichnamigen Teil des Bodensees bringen. Der Übergang war etwas spannend, standen nominell doch bloß drei Minuten für den Umstieg zur Verfügung. Das Orga-Team hatte sich allerdings zuvor telefonisch beim Verkehrsverbund angemeldet und erbeten, die eine oder andere Verspätungsminute des Zugs busseitig abzuwarten. Aber: überhaupt kein Problem. Der Zug hatte zwar ein paar Minuten Verspätung, der Bus hingegen sogar noch einige wenige Minütchen mehr.

Fast planmäßig an der Süßenmühle angekommen führt ein Sträßchen rechtwinklig von Seeufer weg und direkt in den Hang hinein. Im wahrsten Sinne des Wortes hinein, hat der Goldbach doch an dieser Stelle mit der Unterstützung diverser glazialer Kraftprotze einen tiefen Einschnitt in den mächtig aufragenden Hang hinein gesägt. Das Sträßchen wird bald zum Weg und immer schmaler und unwegsamer, mit Stegen und Stufen den steil aufragenden Sandsteinfelsen abgerungen.

Auf Treppenstufen durch den Dschungel

Auf Treppenstufen durch den Dschungel

Ein dichtes Blätterdach lässt den Himmel oft fast ganz verschwinden, Pflanzen hängen senkrecht über die Felskanten hinunter und in der Mitte plätschert der Bach, der offensichtlich in den Regenepisoden der jüngeren Vergangenheit ordentlich Material mit sich geführt und durcheinander gewürfelt hat. Aufräumen hätte man auch mal können. Man fühlt sich spontan in den Dschungel versetzt und würde sich nicht wundern, wenn plötzlich wild aussehende Gestalten sich an Lianen durch die Schlucht schwingen würden. Die einzigen wilden Tiere, die jedoch wirklich existent waren, waren die Stechmücken. Wir nährten sie wohlwollend, zumindest diejenigen, die dem sofortigen Erschlagen entgingen.

Tobelwildnis

Tobelwildnis

Trotz sehr rutschiger und teilweise gut matschiger Bedingungen war die Gruppe am oberen Ausgang des Tobels vollzählig und unverletzt, wenn auch das eine oder andere Paar Schuhe weit entfernt von der sehr hellen Originalfarbe weiß zu sein schien.

Der weitere Weg führte uns auf der Höhe nach Westen zum Haldenhof. Auch hier waren die Verhältnisse staunässebedingt oft fernab von dem, was als Wald-Wanderautobahn gelten mag. Ab und zu war der Matsch knöcheltief. Manche Teilnehmer hatten viel Spaß bei der Durchquerung solcher Sumpfpassagen, andere offensichtlich eher eine Balancieraufgabe zur Schonung ihres Schuhwerks zu bewältigen. Selbst bei warmer Witterung ist gutes Schuhwerk eben oft eine gute Wahl.

Schilder

Sehr schön ausgeschildert überall.

Da der Weg sehr schön an der Hangkante entlang führt, hat man immer wieder beeindruckende Aussichtsplätze auf den See fast 170 m tiefer. Nur der Wald verhindert dies oft, aber so kann man die wenigen Plätze mit Vollpanorama wirklich genießen. An der so genannten Zimmerwiese sieht man von Bodman ganz am Ende des Sees bis über Konstanz auf den Obersee, die Alpen im Hintergrund.

Aussicht

Wir oben, unten die Boote.

Und eine ähnliche Lage hat der Biergarten des Haldenhofs. Ein uraltes Gebäude, zurückdatierend auf das 15. Jahrhundert, der ehemalige Versorgungshof der Burg Hohenfels, von dem noch ein paar ruinöse Reste erhalten sind. Der Minnesänger Burkhart von Hohenfels, nach Walther von der Vogelweide wohl der zweitbekannteste Shooting Star der damaligen Zeit lebte, wirkte und sang dort. Und zwar gerne unter der heute noch erhaltenen und als Naturdenkmal ausgezeichneten Burkhartslinde. Diese hat einen markanten ausgehöhlten Stamm mit zur Fantasie anregenden verkrüppelten Holzformationen im Inneren. Ob das wohl auf späte Verdauungsbeschwerden wegen musikalisch schwer zu ertragender Emissionen hinweist?

Burkartslinde

Der hohle Stamm der Burkartslinde. Sie lauscht schon sehr lange dem Geschehen am Haldenhof.

Die letzte Wanderetappe führte dann in steilen Serpentinen hinab ins Tal. Zum Glück unsere Gruppe betreffend ohne Zwischenfall, allerdings war wenige Tage zuvor an genau diesem Hang eine Frau abgestürzt, die erst zwei Tage nach ihrem Unfall schwer verletzt aber zum Glück lebend gefunden wurde. Mit einem üppigen Zeitpuffer von fünf Minuten erreichten wir die Bahn nach Überlingen.

Am dortigen Haupt(?)bahnhof retteten wir eine stehen gelassene Handtasche einer Dame, die unwillentlich eine Station in der Bahn mitfahren musste, nachdem sie Ihrer Tochter mit Kinderwagen in die Bahn geholfen hatte. Sie war sehr froh, dass wir uns um ihre Besitztümer gekümmert hatten und konnte sie wenig später in Empfang nehmen – sie war einfach zum Bahnhof zurückgetrampt. Wohlgemerkt, eine gutsituierte Dame in den 60ern.

Riviera

Rivierafeeling pur an der Überlinger Seepromenade

Zum Abschluss genossen wir die urlaubshafte Atmosphäre der abendsonnenbeschienenen Überlinger Promenade. Rivierafeeling pur. Ein Gelato für jeden inklusive. Als Tüpfelchen auf dem i war ein kleiner Markt mit Ständen voller verschiedenster duftender italienischer Spezialitäten dort. Ein würdiger Abschluss eines auch dieses Jahr absolut gelungenen Ausflugs.

Fruechtchen

Süße Früchtchen. Man soll ja viel Obst essen.

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