Nürnberg

Kaum war das Jahr erneuert, war ich schon wieder unterwegsen. Eine deutsche Großstadt besuchen, die ich bisher noch kaum kannte. Geschäftlich war ich schon zweimal hier in den letzten Jahren, aber zu solchen Gelegenheiten sieht man außer den (U-)Bahnsteigen und seinem Geschäftstermingebäude eher wenig.

Den ersten Eindruck einer Stadt versuche ich immer, besonders intensiv aufzusaugen. Nürnberg empfand ich als ziemlich dunkel, wenig hübsch und mit einer gewissen Schwere behaftet. Man sieht sofort, dass auch diese Stadt im Krieg schwere Verwundungen hinnehmen musste und diese in der bekannten deutschen pragmatisch-aber-hässlichen Bauweise wieder aufgeforstet wurden. OK, der Himmel war auch eher für solche Empfindungen konfiguriert: wir sahen das vergangene Wochenende sehr selten etwas Blau am Himmel.

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Mehr Grau als Blau im Himmel.

Eine erste Runde durch die Innenstadt bzw. der Altstadt zeigt den üblichen Mix aus Kettenfilialen, Mobilfunkläden und kastenförmigen Großeinzelhandelseinrichtungen. Was zu erwarten war, leider sehen sich inzwischen alle deutschen Städte in ihren Zentren zum Verwechseln ähnlich. Nur die Reihenfolge von Tchibo, H&M und Konsorten variiert.

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Der Ring am „Schönen Brunnen“. Die ganze Nürnberg besuchende Welt klettert an der schmiedeeisernen Einfassung des Brunnens hinauf, um den zu drehen. Der Mensch ist mit so einfachen Dingen zu beschäftigen.

Bei der erneuten Erkundung bei Tageslicht revidiert sich das Bild. Die Altstadt ist sehr weitläufig und viele eindrucksvolle Sandsteingebäude mit jahrhundertelanger Geschichte sind zu bewundern. Obwohl auch hier 90% nach dem Krieg zerstört war, entschloss man sich, die alte Struktur der Stadt zu belassen und baute vieles wieder auf. Ein Segen, dass man moderne Verkehrsschneisen oder Ähnliches zu verhindern wusste.

 
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Pegnitz

Lauschig liegt die Pegnitz quer in der Stadt. Sie bietet diversen Wasservögeln auf netten Inselchen ein urbanes Zuhause und dem Fotoapparat immer wieder ansehnliche Ansichten auf die direkt am oder manchmal sogar über dem Fluss gelegenen Gebäude. Auf der Nordseite der Pegnitz schwingt sich der Burghügel hinauf. Dort war vor langer Zeit eine ganze Weile ein Kulminationspunkt mitteleuropäischer Machtpolitik.

Bemerkenswert für einen protestantischen katholischen Kirchensänger wie mich ist die Tatsache, dass eine Stadt dieser Größe weder Münster noch Dom besitzt. Die St.-Lorenz-Kirche ist ob ihrer Wuchtigkeit zwar schwer in die diversen Megapixelformate zu bannen, aber schon 1525 wurde Nürnberg protestantisch und die wichtigen Sakralbauten deswegen ebenfalls.

Bekannterweise ist die Region und damit auch die Stadt berühmt für deren Wursterzeugnisse. Die charakteristischen Fingergroßen und -dicken Bratwürschtel werden an jeder Ecke feilgeboten. Wir besuchten die älteste noch existierende Bratwurstküche mit echtem Buchenholzfeuer. Die von letzterem mit einer wohlschmeckenden Bräune versehenen Würschtel zusammen mit Sauerkraut auf einem echten Zinnteller in der gemütlichen Stube waren ein echtes Highlight. German Gemütlichkeit at its best.

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Die Straße der Menschenrechte. Sie mögen niemals wieder in Vergessenheit geraten.

Nicht zu verleugnen ist die unrühmliche Bedeutung Nürnbergs im dritten Reich. Einerseits existieren noch reihenweise Plätze und Einrichtungen, die den gewaltigen Aufmärschen als Tatort dienten. Allein das nach wie vor riesige Gleisfeld des Nürnberger Bahnhofs ist ein stummer Zeuge, musste doch die Logistik bereitgestellt werden, diese Masse an Personen in die Stadt hinein und wieder hinaus zu bekommen. 23 Bahnsteige gibt es heute noch. Ich vermute, dass kein deutscher Großstadtbahnhof mehr hat.

Andererseits ist sich die Stadt dieses Erbes durchaus bewusst. An einem der Hauptschauplätze befindet sich heute das sog. Dokumentationszentrum, wo alles zusammengetragen wurde, was diese menschenverachtende Zeit belegt. Ein wahres optisches Bollwerk wurde dieser Vergangenheit entgegengesetzt: die ‚Straße der Menschenrechte‘, wo auf unumstößlichen Betonsäulen letztere mehrsprachig festgehalten wurden, damit sie nie mehr in Vergessenheit geraten mögen.

Als passioniertem Bahnfahrer durfte ich natürlich den Besuch des DB Museums nicht verpassen. Befürchtungen, dass nur ein paar olle langweilige Schienenfahrzeuge rumstünden, bestätigten sich absolut nicht. Die Ausstellungsstücke sind in ihren verschiedenen historischen Kontexten zusammengestellt und der Gang durch die Epochen war sehr plastisch. Am Ende waren wir doppelt so lange wie geplant im Museum und wurden mit dem Ende der Öffnungszeit rausgeschmissen.

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Sehr schöne Ecken in Nürnberg

Schnell war wie immer die Zeit rum und vor der Abfahrt blieb noch ein wenig Zeit, die Moderne im Neuen Museum anzuschauen. Geschickt wurde der interessante Glasbau leicht abgerundet an die Stadtmauer in das Sandsteingebäude-Ensemble rundherum eingebettet. Drinnen eine sehenswerte Dauerausstellung von nicht zu vielen Gemälden, Skulpturen und Designerstücken. Sonntags zum Preis von einem Euro zu besuchen, allerdings ohne Sonderaustellung, was uns die strenge Museumsdame beim versuchten Eintritt wissen ließ.
Alles in allem werde ich bestimmt noch einmal wieder kommen und bei hoffentlich schönerem Wetter noch mehr schöne Fotos von den schönen Ansichten machen, die Nürnberg bietet. Ein Besuch dort lohnt sich auf jeden Fall!

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Ein Gedanke zu „Nürnberg

  1. AndreasP

    Mir gefällt Nürnberg auch gut. Ich bin mal die gaze Stadtmauer abgelaufen und habe jeden einzelnen Turm für Wikimedia Commons fotografiert… Zu den Kirchen: Auch in den anderen großen mittelalterlichen deutschen Städten ohne Bischofssitz gibt es eigentlich nicht unbedingt das eine riesige Münster. Eigentlich fallen mir da nur Freiburg und – Extrembeispiel – Ulm ein (wo die Kirche im Grunde genommen sogar heute noch bei zigfacher Einwohnerzahl viel zu groß für die Stadt ist). Die anderen haben aber allesamt respektable große Hauptpfarrkirchen – und in Nürnberg sogar zwei. Nach St. Lorenz und St. Sebald (der älteren) sind auch die beiden Stadtteile benannt, aus denen die Nürnberger Altstadt seit Alters her besteht.

    Antwort

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