Orkantief

Und es kam wie prophezeit. Der Wind nahm zu und dazu kam Regen. Unser Entschluss, den Zug Richtung Ostküste zu nehmen, konnte kaum passender sein.

Da der Zug bekanntlicherweise sehr viel schneller unterwegs ist als der gemeine Radfahrer, blieb uns einige Zeit, die wir für etwas Sightseeing in Derry verbringen konnten. So ließen wir abgesehen von den Regenklamotten unser Gepäck im Hotel und fuhren nach dem Frühstück unbepackt ins Zentrum. Dort hatte ich ein Museum ausgemacht, das die sowohl die ältere als auch die jüngere Geschichte (London-)Derrys dokumentierte. 

Gerade die jüngere interessierte mich sehr. Ich war nämlich Ende der 80er schon einmal in Nordirland, damals als Mitglied einer deutsch-nordirischen Jugendbegegnungsgruppe, die in Belfast katholische und protestantische Jugendliche zusammen brachte. Für manche war das damals die erste Begegnung mit der anderen Konfession.

Das Nordirland, was ich damals kennen lernte, scheint aber nichts mehr mit dem Land gemeinsam zu haben, welches wir hier besuchten. Ende der 80er waren „the Troubles“ noch voll im Gange: festungsartige Polizeistationen, gepanzerte Fahrzeuge allenthalben, Armeepersonal mit Knarren, die sicher kein Spielzeug waren. Viele Gebäude heruntergekommen oder zerstört. Man traf sich damals nicht auf der Straße, viel zu gefährlich. Bei meinem zweiten Besuch in Belfast saßen wir mit einem Freund in dessen Auto, als es einen lauten Rums tat. In der nahe gelegenen Innenstadt war live eine Bombe hochgegangen. Liams lakonischer Kommentar: „Belfast says hello to you!“

Eine enorme Entwicklung hat sich seither vollzogen. Sowohl die Leute als auch einige der einflussreichsten Rädelsführer hatten in den Neunzigern die Schnauze voll von der Gewalt und ein unglaublicher Prozess startete. Gleichzeitig wurde offensichtlich konsequent investiert. Fast alle Gebäude renoviert oder durch neue ersetzt. Die Innenstadt belebt mit Läden, Cafés und Pubs, Leute unterwegs wie in jeder normalen Stadt. Tolle Radwege, konsequent geplant. Es freute mich ungemein, nach dieser Zeit eine solche Entwicklung festzustellen.

  
Diese Entwicklung war im Tower Museum sehr schön dokumentiert, und auch die ältere Geschichte, in der letztendlich die Begründung dieser Konfessions-Unverträglichkeiten liegt. Hier ging förmlich nach dem Mittelalter in jedem Jahrhundert die Post ab.

Und so war es draußen. Es hatte irgendwann begonnen, richtig zu regnen. Der Wind wurde auch immer stürmischer. In voller Regenmontur kämpften wir uns zum Hotel zurück, was noch die leichtere Übung war, da in dieser Richtung der Wind von hinten kam. Im Hotel breiteten wir kurz unser ganzes nasses Gedöns in der schicken Lobby aus und recherchierten die Folgeunterkunft in Ballymena. Soll ja auch nicht so langweilig sein für die netten Rezeptionsdamen. Keine von ihnen hatte etwas dagegen, in Deutschland wären wir bestimmt angeschnauzt worden.

Dann war es Zeit für den Zug. Regenmontur wieder an und raus in das tobende Wetter. Zu allen Unglück hatte sich meine Kette vom Zahnkranz gelöst. Das passiert natürlich nur in solch einem Inferno. Gut, wieder draufgefummelt und dann gegen den Sturm Richtung Bahnhof geradelt. Stellenweise ging das selbst im ersten Gang, der sonst nur für senkrechte Wände benötigt wird, kaum vorwärts. Und über die Peace Bridge schoben wir über unsere Lenker geduckt, sonst hätte es uns vermutlich in das Geländer geweht. Krass. 1. Juni.

  
Der Zug war pünktlich, neu, sauber und angenehm. Nimm das, deutsche Bahn. In Ballymena angekommen hatten wir nicht mal einen Kilometer zum Hotel. Der Wind war gefühlt etwas weniger. Aber es schüttete in einer unvorstellbaren Stärke, während wir uns durch dicksten Verkehr wurschteln mussten. In der Straße, die zum Hotel führte, waren links und rechts meterbreite reißende Bäche. Selbst das überlebten wir und latschten zum zweiten Mal nass wie die Katzen in ein doch recht schickes Hotel. Kaum erwähnenswert, dass es wenige Minuten später aufhörte.

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2 Gedanken zu „Orkantief

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