Systemrelevant

Wir werden mit Sicherheit am Ende dieses Jahres viele heiße Kandidaten für das „Wort des Jahres“ haben. Und vor allem Begriffe, die die Konfrontation mit der völlig neuen und ungeübten Situation gut reflektieren werden. Einer der heißesten Kandidaten ist vermutlich „systemrelevant“. Hat das irgendwer zuvor schon mal in nennenswertem Umfang gelesen oder gar selbst im aktiven Sprachgebrauch eingesetzt? Ich kann mich zumindest nicht erinnern, diesem Begriff so oft begegnet zu sein wie jetzt gerade.

Warum aber ein ganzer Blogartikel hierzu? Wegen der Störgefühle. Plötzlich ist ganz viel „systemrelevant“. Und komischerweise genau Dinge, die vor dieser virusgesteuerten Welt immer schon ein zwar gesellschaftlich absolut notwendige Elemente waren, aber ein kümmerliches Dasein fristeten: die Bus- oder S-Bahnfahrer, die zu Unzeiten arbeiten, damit sie unsere Frühaufsteherkollegen rechtzeitig zur Arbeit bringen und sich dafür noch viele Unverschämtheiten von renitenten Fahrgästen gefallen lassen müssen. Die Pfleger und Pflegerinnen in den Altenheimen, die Knochenarbeit leisten. Die Menschen in den Supermärkten, die uns vor dem Verhungern bewahren und inzwischen auch noch polizeilich wirksam werden müssen, wenn allzu eifrige Kunden meinten, sie müssten sich mit Hygienepapier für die nächsten 37 Jahre versorgen. Die Krankenschwestern und Klinikärzte, die sich an vielen Wochenenden und Nächten um uns kümmern.

Meine Küchenmaschine ist ja auch ein System. Also ist der Knethaken systemrelevant???

Schlecht bezahltes Personal, die schon immer unter ebenfalls schlechten Arbeitsbedingungen harte Arbeit leisteten. Die Verhältnisse sind jetzt noch härter geworden, aber anstatt man das sofort unbürokratisch honoriert und vielleicht Prämien ausschüttet oder zumindest großzügig Überstunden ausbezahlt, nennt man das Ganze „systemrelevant“. Und dass dann noch die Welt sich solidarisch klatschend auf die heimischen Balkone stellt, dürfte so manchem das Herz erwärmen, aber letztendlich zu einer gerechten Berücksichtigung systemrelevanter Tätigkeiten und Elemente in unserer Gesellschaft wenig beitragen.

Und der schale Beigeschmack dieser Gedanken wird noch bitterer, wenn man sich die Situation danach vorstellt. Sind jetzt irgendwelche Dinge in Gang gesetzt worden, um an diesen Missverhältnis irgendetwas zu ändern? Plant die Gesellschaft jetzt endlich, für wichtige Dienste und Einrichtungen mehr zu investieren? Nein, man nennt das eben jetzt „systemrelevant“ und alle dürfen sich besser fühlen wegen so viel medialer Aufmerksamkeit.

Ich befürchte sogar, dass aufgrund der wirtschaftlichen Lage, die sich jetzt erst mal auf gigantischer Talfahrt befindet, danach erst mal umso mehr Sparen angesagt ist. Krankenhäuser müssen ja heutzutage profitabel sein, und da jetzt gerade in diesem Sinne voll über die Verhältnisse gelebt wird, muss das dann bestimmt aufgeholt werden. Etwas aus der Situation lernen: vermutlich höchstens, wie man die Profitabilität noch besser auf die Reihe bekommt.

Dabei haben wir schon lang Konzepte für das große Ganze, die stimmig sind. Unter denen keiner wirklich verzichten muss. Außer auf die dritte Yacht möglicherweise. Ja, ich denke an die Gemeinwohlökonomie. Die jetzige Situation wäre eine willkommene Gelegenheit, unser Wirtschaftssystem auch an anderen Kenngrößen als nur Wachstum und Profit auszurichten. Aber ich bin pessimistisch. Vermutlich machen wir – wenn das Virus mal durch ist – wieder so weiter wie zuvor.

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