Ruhe

Die Restaurants geschlossen. Die Eisdielen verwaist. Die Stühle und Tische auf den Terrassen diebstahlsicher zusammengeschoben. Die Parkbänke mit Flatterband eingewickelt, auf dass sich keine Ansammlungen auf ihnen einfinden mögen. Einige wenige Personen, einzeln, zu zweit oder sichtlich im Familienverbund, die zu Fuß auf den Straßen und Plätzen unterwegs sind. Bekannte, denen man begegnet, bleiben auf Abstand, bevor man weiter zieht.

So ruhig, da fühlen sich sogar die Enten in der Fußgängerzone wohl.

Alle Bilder öffentlicher Plätze in Städten, die in dem Medien gerade herumgeistern, zeigen ein ähnliches Bild. Man spricht von geisterhafter Szenerie. Das nicht stattfindende Leben im öffentlichen Raum sei schlimm. Klar sind viele Gastrobetriebe gerade in ihrer Existenz gefährdet, das ist tatsächlich schlimm. Auch Besitzer lokaler Geschäfte, denen doch noch einige treue lokale Kunden bis zuletzt die Stange hielten und sie beim Aushalten des von Amazon & Co verursachten Konsumgegenwinds unterstützen, sehen gerade vielfach in eine sehr dunkle Zukunft.

Aber nur schlimm oder gespenstisch? Ist es nicht auch eine interessante Erfahrung, wie stressfrei der öffentliche Raum sein kann? Gedränge fällt gerade komplett aus, es ist genug Platz und Raum für alle da. Dauerbeschallung durch Restaurants, Straßenmusiker, Gettoblaster – alles gerade nicht zu hören. Stattdessen dringt Vogelgezwitscher ans Ohr, die Bäume rauschen im Wind, die Wellen plätschern leicht an die Ufermauer.

Auf den Straßen findet in diesen Zeiten auch spürbar weniger Verkehr statt. Aber halt, tatsächlich nur der „große“ Verkehr. Auf den größeren Straßen haben Fahrradfahrer zur Zeit ein erheblich entspannteres Dasein als sonst. Es ist meistens ausreichend Platz zum Überholen, was die meisten Autofahrer dann auch vernünftig überholen lässt. Auf den kleineren Straßen hingegen ist mehr los. Viele Menschen, die augenscheinlich ihre nichtmotorisierten Gerätschaften neu entdeckt haben und mit dem Fahrrad ihre unmittelbare Heimat neu entdecken.

Viele der Fahrräder sehen sehr neu oder zumindest sehr gut geputzt aus, werden also offensichtlich gerade aus so manchem Dornröschenschlaf erweckt. Ganze Familien auf kleinen und großen Rädern. Anhänger für die kleinsten Familienmitglieder, Laufräder oben aufgeladen für die Erschöpften unter den kleinsten Radsportlern. Die Langsamsten bestimmen das Tempo, „gemeinsam“ ist das Motto. Wenn man gerade mal vom Fahrradfahren genug hat – die Inliner sind ja auch schon lange im Keller. Sie dürfen jetzt auch vermehrt ans Licht und auf die Rollen. Mama hält beim Laufen Papa an der Hand, weil der etwas aus der Übung gekommen ist die letzten Jahre. Und die Kinder sind sowieso vorneweg, aber in nicht immer ganz geduldiger Distanz.

Eine eher heiter-gelassene Stimmung. Bei gutem Wetter gefühlt jeden Tag ein wenig 1. Mai. Natürlich unter ständiger Vermeidung von Aufläufen, die die aktuell gebotene Mindestdistanz mit dem Ziel der konsequenten Nichtverbreitung unseres globalen unsichtbaren Störenfrieds unterläuft. Zuweilen muss die Polizei am Wochenende eingreifen und größere Gruppen aufzulösen, um uns alle an letzteren zu erinnern.

Wie schön wäre es doch, wenn wir ein wenig von dieser heiter-gelassenen Ruhe in die Welt nach dem Störenfried mit hinüber nehmen können. Ein bisschen weniger Gedränge, Gewummere, Halli-Galli – täte uns das nicht gut? Am Wochenende nicht mit der ganzen Familie erst mal ins Automobil steigen, um woanders die Gegend zu bevölkern, weil man gelernt hat, dass die unmittelbare Umgebung auch sehr schön ist? Einfach mit dem Fahrrad vor der Haustüre losfahren und nicht erst auf den Autogepäckträger laden und zusätzlichen Verkehr verursachen? Und alle etwas entspannter auf den öffentlichen Straßen? Ich finde, das wäre schön.

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2 Gedanken zu „Ruhe

  1. bodenseesimon

    Schöner Text. Vielen Dank, ist das wirklich so in Deutschland oder ist das dem 1.4. geschuldet?
    Von zuhause höre ich doch viel Wehklagen und Beschwerden…
    Aber sehr schön falls der Eindruck der Netzwaberei den ich so mitbekomme täuscht.

    Ja ich halte mich derzeit noch in Thailand auf, so lange die Gefahr hier geringer ist, die Flüge noch nicht alle gestrichen sind und das Projekt hier noch läuft werde ich auch noch bleiben.
    Auch hier ist das Alltagsleben eingeschränkt, aber die Thais gehen eigentlich ganz gut damit um. Und auch hier halten sich alle an die Regeln und versuchen Menschenansammlungen zu meiden und so wenig wie möglich draußen unterwegs zu sein.

    Antwort
    1. dagmarb Autor

      Kann ich zurückgeben: schöne Kommentar, danke! Doch, es läuft so hier. Allerdings halten sich die meisten sehr vernünftig an die verordneten Abstandregeln. Und das stimmt mich dann doch ganz optimistisch, dass wir das auch mit gelockerten Maßnahmen hinbekommen werden.

      Antwort

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