Luxusprobleme

Keine Kollegen, denen beim Rundgang durchs Großraumbüro händeschüttelnd „Guten Morgen“ wünscht. Und möglicherweise bei dem einen oder anderen gleich verweilt, um die erste Plauderei des Tages zu genießen. Sei es über strategisch wichtige Themen des Firmenalltags, die neue Hauskatze oder die Fortschritte beim Laufenlernen des Juniors. Und wer in Kurzarbeit ist, ist momentan komplett auf Standby gesetzt. Alles, was uns im Alltag fünf Tage die Woche Spaß macht und uns lohnenswerte Ziele bietet, ist erst mal „on hold“ gesetzt. Alles doch nicht so wichtig, oder wie?

Da waren wir noch online und im Büro vor Ort.

Die erste Zäsur, die uns der unsichtbare Krankheitsstifter bescherte, war flächendeckendes, ausschließliches HomeOffice. So lange man noch Arbeit zu erledigen hatte, gewöhnte man sich schnell an die neue Situation – TelKo statt Präsenzmeetings, statt Besuchen des Kollegen auf dem anderen Stockwerk wurde das Headset gar nicht mehr aus dem Ohr entfernt und diente so anstelle der Füße als Vernetzungsinstrument. Aber es war doch irgendwie ein zwar neuer Alltag, aber ein Arbeitsalltag, der einen gewohnt forderte.

Knall auf Fall entschied mein Arbeitgeber dann aber weitgehende Kurzarbeit und die Umstellung auf reinen Notbetrieb. Nur noch Projekte, deren Zeitplan unbedingt eingehalten werden muss, werden irgendwie weiter betrieben. Und nur Mitarbeiter dieser Projekte sind dann noch involviert. Da ist für „strategische Themen“ wie zum Beispiel die Organisation der Projekte, die Weiterentwicklung des Freigabesystems oder die Gestaltung der geplanten Qualifizierungsinitiativen natürlich von jetzt auf nachher kein Bedarf mehr. Fühlte man sich am Freitag noch wichtig und gefragt, war man am Montag buchstäblich auf Eis gelegt.

Es galt also plötzlich, das Dasein zu füllen. Und nicht nur zeitlich, sondern räumlich findet das Dasein ja in den allseits wohlbekannte Grenzen statt. Eine Aufgabe, die sich nicht gut anfühlte. Und immer noch nicht gut anfühlt. Na gut, in der Wohnung gibt es immer Potential. Küchenschränke, die Spuren des Lebens enthalten, die dort eigentlich nicht hingehören. Die Gartensaison darf dieses Jahr durchaus intensiver in unserem etwas grau-langweiligen Hinterhof stattfinden als sonst, gottlob haben Dehner und Obi geöffnet. Der Backofen läuft heiß und kühlt kaum noch ab, dazwischen mutiert die Küche immer wieder zur unansehnlichen Werkstatt im Gebrauch. Nichtsdestotrotz kämpfe ich dauernd gegen eine unterschwellige beleidigte Nichtausgeglichenheit an. Kognitiver und kommunikativer Ausprägung. Wie titelte Erna Bombeck in den Achtzigern? „Nur der Pudding hört mein Seufzen“.

Meine Brotbackkompetenzen leiden nicht zur Zeit.

Und damit nicht genug, ich habe auch noch ein schlechtes Gewissen dabei. Ich habe einen sehr gut bezahlten Job, was mir jetzt ein sehr gutes Kurzarbeitergeld beschert. Die Firma zahlt noch etwas drauf, sogar. Man darf hier in der Gegend zum Teil nicht einmal den Arbeitgeber erwähnen, ohne dass man mit Neid und Missgunst konfrontiert wird. Wirtschaftlich gesehen brauche ich mir also überhaupt keine Sorgen machen. Ich könnte glücklich sein, den ganzen Tag das machen zu können, worauf ich Lust habe. Mein Ausblick in meiner wunderschön ruhig gelegenen Wohnung geht auf unseren schönen Bodensee, eingerahmt von zwei prächtigen weißen Häusern und uralten knorrigen Bäumen. Nette Nachbarn, mit denen immer mal wieder ein Pläuschchen auf Distanz drin ist.

Aber nein, ich muss zumindest ein wenig unterschwellig dauerjammern. Und das, obwohl ich um die vielen Menschen weiß, die im Moment wirklich Grund dazu haben. Denen als Selbständige das komplette Geschäft und damit der Umsatz von vermutlich mindestens einem Vierteljahr wegbricht. Alleinstehende, die alle sie normalerweise seelisch aufrecht erhaltenden Kontakte auf Distanz oder virtuell pflegen müssen. Keine Umarmungen mehr. Pflegekräfte, die sich ins 12-Stunden-Schichten den Allerwertesten aufreißen. Menschen in unerträglichen oder sogar gewalttätigen Beziehungssituationen, die jetzt aufeinander hocken mit all ihrem Beziehungsstress.

Vielleicht ist das einfacher zu ertragen, wenn man sich zum einen vornimmt, weniger zu vergleichen. Man kommt ja doch immer auf Menschen, denen es entweder besser geht als einem selbst (womit man sich natürlich sofort schlechter fühlt). Oder sieht die Tausenden von Menschen, die gerade eine wesentlich herbere Situation vorfinden (womit man sich dann auch in seiner eigenen Situation richtig schlecht fühlen darf). Vielleicht haben wir alle mehr davon, wenn jeder versucht, gut gelaunt seinen ganz persönlichen Beitrag zu leisten. Und zu hoffen, dass wir bald wieder schrittweise zu einer Normalität zurückfinden. Und vielleicht eine Normalität, in der das eine oder andere gelernt wird und nachwirkt. Zum Beispiel, dass wir uns weniger mit anderen vergleichen.

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3 Gedanken zu „Luxusprobleme

  1. Jo

    Schön geschrieben, liebe Dagmar! Bei uns sieht’s ja mittlerweile ähnlich aus. Und ich hab richtig viel zu tun im nervigen Home Office.
    Lieben Gruß
    Jo

    Antwort
  2. Julia

    Wow – danke für diesen Post. Es ist nun mal eine Ausnahmesituation, die für uns alle sehr herausfordernd ist. Jammern, egal auf welchem Niveau, muss und darf sein. Schon wegen der Seelenhygiene.

    Antwort

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