Zahlen

Ein Ding, dem man sich in dieser coronalen Phase kaum entziehen kann: Zahlen. Auf medialem Schritt und Tritt begegnet man ihnen derzeit. Hier Xtausend, dort mehrere Hundert, Hunderttausend, Millionen, pro Tag. Neuinfektionen, geheilte Fälle (* – geschätzt), Gesamtzahl aller Infektionen, Todesopfer.

Zwar nicht Sand am Meer, aber Muscheln am Strand.

Die Zahlen sind immer groß und damit unvorstellbar. Gut vorstellen kann man sich ja zweistellige Zahlen. Oft reichen die Finger oder die Zehen dazu. Auch diejenigen von drei bis vier Menschen kann man sich noch sehr gut vor Augen führen. Mit dreistelligen Zahlen wird es schon schwieriger, sie mit unserem allgemeinen Erfahrungshorizont zu reproduzieren. 100 geht noch, das sind die Felder eines etwas vergrößerten Schachbretts. Aber dann, mit noch größeren Zahlen wird es schwierig, unüberschaubar und damit unvorstellbar.

Gehen die Zahlen in die Tausende, denken wir an fette Gehälter und erstarren vor Ehrfurcht. Die sich mit wachsender Dimension noch vergrößert. Zahlen größer als 100.000 entrücken dann schon in völlig abstrakte Vorstellungswelten.

Aber so viel Infektionen haben bzw. hatten wir allein in Deutschland. So eine riesige Zahl, solch eine unfassbare Bedrohung!

Was aber bei der alleinigen Betrachtung dieser monströs wirkenden Zahl völlig verloren geht, ist eine wohltuende aufklärende Objektivität. Zuallererst ist die Betrachtung dieser Zahl sowieso nicht wirklich sinnhaft, da aufgrund der bereits geheilten Fälle das niemals die Zahl der tatsächlich momentan infizierten Menschen wiedergibt. Die Zahl ist also weder am Anfang verlässlich (da wissen wir noch nicht ansatzweise, wieviel wir haben) noch nach einer gewissen Zeit – da wissen wir gerade mal geschätzt, wieviele schon geheilt sind und müssen das auch noch selbst subtrahieren.

Setzen wir diese irre Zahl in Bezug zu unserer Gesamtbevölkerung, ergibt sich wieder ein ganz anderes Bild. Wikipedia will am 31. Dezember 2018 83.019.213 Menschen gezählt haben. Die neuste Zahl, die das Robert-Koch-Institut heute meldet, ist die 127.584. Subtrahiert man die 68.100 geschätzten genesenen Fälle, kommt man auf 59.484. Das heißt, dass 0,071% der Bevölkerung im Moment erkrankt sind. Das sind 7 Menschen auf 10.000. Unvorstellbar wenig, oder?

Aber auch das sind jetzt absolute Zahlen, die zum einen riesig wirken, zum anderen verwunderlich klein. Warum diese Diskrepanz?

Die Lösung dieser Frage liegt in einer Zahl, die wir leider nie auf den ersten Blick serviert bekommen: die Reproduktionszahl. Am Anfang, als wir noch nicht wirklich wussten, was auf uns zukommt, lag diese zwischen zwei und drei. Was für sich auch noch klein erscheint, aber in der Realität eine exponentielle Ausbreitung zur Folge hat(te). Exponentielles Wachstum können wir uns gegenüber linearem Wachstum (z. B. der rinnende Sand in der Sanduhr wächst linear) auch schlecht vorstellen (hier würden sich die Sandkörner immer wieder z. B. verdoppeln und brächten die Sanduhr bald zum Bersten) und führt ab einem gewissen Zeitpunkt zu immens hohen Zahlen.

Deswegen waren die Maßnahmen richtig und wichtig, weil sie zum Ziel hatten, die Reproduktionszahl zu reduzieren. Inzwischen sind wir seit einigen Tagen schon wieder unter 1, was eines der Ziele war, die die Maßnahmen verfolgten.

Aber warum sehen wir das nicht als unser Ziel vor Augen? Warum wird uns das nicht in den Medien immer wieder erklärt, sondern wir sehen immer nur die beängstigenden Absolutzahlen? Hat man Angst, dass die Maßnahmen nicht eingehalten werden und deswegen müssen wir alle dauernd eingeschüchtert werden? Auf der anderen Seite wird gerade jetzt sehr viel erklärt und auf die Wissenschaft gehört. Aber warum werden ständig Zahlen publiziert, die wenig Aussagekraft haben und uns dafür Angst machen?

Klar ist, dass ein erneuter Ausbruch mit potentiellem Wachstum unbedingt vermieden werden muss. Aber wir haben uns die letzten Wochen gut an die angeordneten Regeln gehalten. Ist es klar, mit welchen Raten und Absolutzahlen wir umgehen können, ohne dass unser Gesundheitssystem überlastet wird, würden wir mit Sicherheit nicht sofort wieder alle ins Fußballstadion gehen. Wenn uns dann noch vernünftig erklärt wird, worauf es ankommt, ohne mit unserer Angst zu spielen, können wir alle noch besser unsere Verantwortung wahrnehmen. Und als mündige, aufgeklärte Menschen, die wissen, warum sie sich an gewisse Dinge halten, gemeinsam den Weg zurück beschreiten.

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s