Trockenzeit

Strasen – Wesenberg – Kratzeburg – Ankershagen – Waren 79 km

Schon wieder begaben wir uns zum Hotel Löwen – nämlich zum Frühstücken. Im Gästehaus gab es ja nichts, deswegen hatten wir uns am Vorabend schon die Teilnahme gesichert. Um halb acht in der Früh war dort eine himmlische Ruhe – in der Nähe hörte man ein paar Hühner gackern, eine Entenfamilie mit ein paar halbwüchsigen Entenkindern paddelte über den Kanal und Krähen unterhielten sich lautstark ein Stockwerk über uns in den Baumkronen.

Es war bedeckt, was man sehr als Wohltat empfand, hatte die Sonne die letzten Tage doch unbarmherzig vom Himmel gebrannt. Unter bedecktem Himmel radelten wir dann sogar noch vor neun Uhr in einer angenehm kühlen Luft los.

Schon kurz nach unserem Übernachtungsort lauerte die erste Schikane des Tages: einige wenige km Off-road-Programm, die es aber in sich hatten. Sand und Wurzeln, gerade so, dass die Wölfe das mit ihrer breiten Besohlung noch hinbekamen, schnelles Vorankommen war auf dieser Strecke aber kein Thema. Sehr naturnah war diese Strecke schon, aber wir hatten erst mal von sandig-rutschigem Wurzelgeholper die Nase voll und kürzten die nächsten auf der Karte sichtbaren Streckenschlenker auf ruhiger Landstraße etwas ab.

Allerdings war die heutige Etappe bezüglich der Wegoberflächen ganz anders als die zuvor. Wir hatten heute öfter kurze Strecken über dörfliches jahrhundertealtes Pflaster, auf dem man mit Schrittgeschwindigkeit noch das Gefühl hat, dass man gleich alle Zähne und Fahrradtaschen verliert. Swen bezeichnete es als „Erichs letzte Rache“, weil es sich unter dessen Regime wohl so beharrlich erhielt. Auch die Landstraßen glichen oft einem holpernden Flickenteppich, sehr wenig hübsch rollender frischer Asphalt heute. Man war schon froh, wenn die Pflasterstraße einen baumwurzelbewehrten Radweg an der Seite hatte – so schnell wechseln Perspektiven.

Wir gerieten in immer einsamere Gegenden. War in Wesenberg noch ein Netto und ein Bäcker mit großem Cappucino, wurde danach die Infrastruktur zusehends dünner. Wir steuerten allerdings auch direkt auf den Müritz-Nationalpark zu, und einige Kilometer rollten wir auch mittendurch, da war wirklich außer dem Betonplattenweg und dem hier scheinbar üblichen Kiefernwald gar nichts mehr. Allerdings faszinierend, welch scheinbar unberührte Landstriche wir in unserem dicht besiedelten Deutschland noch haben. Swen meinte, dass das zu DDR-Zeiten militärische Sperrbezirke gewesen waren, deswegen war die Gegend wohl auch entvölkert worden.

Im Nationalpark. Hier mal ganz gut zu fahren.

Dann waren wir wieder raus aus dem Nationalpark, was man an den Automobilen merkte. Ganz wenig zum Glück, aber wo sie fahren dürfen, sind sie auch da. Schöne Alleen waren jetzt öfter unsere Begleiter. Aber zu oft waren die Bäume schon mit gelbem Laub bestückt oder manchmal lag schon ganz viel davon auf dem Boden, was fast schon herbstlich anmutete. Die Gegend muss wohl wochenlang keinerlei Niederschlag gesehen haben. Es war so trocken, dass statt grün häufig Steppengelb die Szene dominierte. Staubteufel wehten im Wind und zogen ihre Bahnen über die abgeernteten Felder.

Alles staubig und sehr trocken. Die Versteppung dieser Gegend ist voll im Gang.

Das Grab von Heinrich Schliemann und ein ihm gewidmetes Museum lag auf dem Weg. Wir besuchten es nicht, aber davor stand ein (selbstverständlich nachgebautes) trojanisches Pferd. Mit praktischer Rutsche zum Herauskommen. Die Archaier wären mit dieser Rutsche noch einfacher in Troja herausgekommen, aber sie waren durch die List ja doch erfolgreich.

Trojanisches Pferd – technologisch weiter entwickelt mit praktischer Überfallrutsche.

Ein Radlerstopp und ein Badestopp fanden wie üblich ihre schönen Orte, aber recht bald war unser heutiges Ziel Waren erreicht. Was ja an der Müritz liegt, in die wir auch erst einmal hineinwanderten. Die Badestelle direkt vor den Toren von Waren war so flach, dass man zunächst einmal über hundert Meter hineinlief, bevor eine nennenswerte Tiefe erreicht war.

Sehr flache Badestelle direkt vor Waren.

In Waren hatte ich ein sehr schönes Hotel etwas außerhalb ausgesucht – am Tiefwarensee. Und es gab kein Standardzimmer mehr, sodass ich eine Kategorie weiter oben lag. Wir haben wohl noch ein Upgrade bekommen, auf jeden Fall bewohnen wir gerade zwei luxuriös größere Räume mit gefühlt kaum weniger Quadratmetern als unsere heimische Wohnung, das halbe Stockwerk der dem Hotel angeschlossenen wunderschönen Gründerzeit-Villa. Bemerkenswert, auch wieder dieser Tag!

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