Hinauf zu den Felsriesen

Appenzell – Kronberg – Schwägalp 16 km

Die Sonne leistete uns schon am Start kräftige Gesellschaft. Umso prächtiger leuchteten die bunten Appenzeller Fassaden, die wir bald hinter uns lassen mussten. Heute wollte ein richtiger Gipfel überwunden werden, wenn auch mit unter 1700 m einer der Bescheideneren hier in der Gegend. Auch die heutige Etappe folgte dem Schweizer Alpenpanoramaweg.

Stetig stieg der Weg an, mal durch dichten Wald, mal über noch taufeuchte Wiesen. Wie am Vortag begleitete uns Kuhglockengebimmel. Immer weitere Blicke auf das Tal öffnete sich, wo morgens noch Nebel wie große Wattebäusche am Talgrund zu sehen war. Wo der Nebel sich verzogen hatte, blickte man über weite saftig grüne Hügel, auf denen wie aus dem Würfelbecher ausgeschüttet viele der typischen Holzhäuser standen. Als Gott diese Landschaft schuf, hat er sich vermutlich zunächst eine Modelleisenbahnlandschaft angeschaut und dann das Appenzeller Land erschaffen.

Modell-Modelleisenbahnlandschaft.

Mit wachsender Höhe wurden irgendwann die Kühe rarer. Offensichtlich sind die Herden von den oberen Alpen schon jahreszeitenbedingt hinunter geführt worden. Gerade heute fand in Urnäsch wohl die sogenannte Alpabfahrt statt, wonders heißt das Almabtrieb, meint aber genau dasselbe.

Dafür wurden die Menschen zahlreicher. Der Kronberg ist so ein typischer „Familienberg“ – ungefährlich, breite Wege und von Kindern fast jeden Alters gut zu bewältigen. Außerdem führt eine Bergbahn direkt hinauf. Es war also irgendwann ziemlich vorbei mit der bovinen Ruhe, dafür zahlreiche Wandersleute in allen Altersstufen, Formen und Farben. Trotzdem geriet man nie in ein komplettes Rummelfeeling. Die Schweizer sind auch in gehäufter Anzahl höflich und unaufgeregt. Stets wird man mit einem freundlichen „Grüezi“ begrüßt, ob jung oder alt.

Am Kronberggipfel kehrten wir in das dortige Gipfelrestaurant ein. Auch dort viel los, aber wir hatten kein Problem, unterzukommen. Es gab einen so genannten „Coupé Fellenberg“, eine kalorienreiche Komposition aus einer stattlichen Kugel Vanilleeis, einem Rosettchen Schlagsahne und (das war der Clou) lauwarmem, leicht beschwipsten Zwetschgenkompott.

Gewaltig thront über dem Kronberg das Felsmassiv der Säntis-Nordwand. Der gesamte Felsriegel läuft weit nach Osten bis hinter dem Hohen Kasten, dem wir letztes Jahr aufs Dach gestiegen, oder besser gefahren waren. So bescheiden der Kronberg bei der Höhe ist, so imposant ist die Aussicht auf die umgebende Alpinlandschaft, wie ein massiver Aussichtsbalkon.

Der Felsriegel des Säntis

Dann ging es wieder leicht bergab der Schwägalp-Passhöhe entgegen. Schnell waren die vielen Menschen verschwunden und wir waren über weite Strecken wieder sehr ruhig alleine unterwegs. Nach einem Stückchen anstrengenden Abstiegs verlief der Weg in angenehmem Auf und Ab, über Wiese und durch knorrigen Wald. Manchmal musste man gut aufpassen, dass man nicht über Wurzeln purzelte.

Schlussendlich erreichten wir die Schwägalp-Passhöhe. Blechlawine auf dem Parkplatz, Höllenlärm durch passtraßenüberquerende Motorradfahrer und viele viele Menschen. Wir mussten allerdings nur kurze Zeit dort verbringen, bis der Bus uns nach Urnäsch bringen würde, dort wartete das reservierte Hotelzimmer. Ein Bus mit Busanhänger, alles ziemlich voll, schaukelte uns alle dann ins Tal.

In der Krone nächtigen wir, im Löwen speisten wir. Sehr bodenständig wenngleich überaus angenehm. Und dann kam noch die Musik: vier stattliche Appenzeller Mannsbilder in roter Weste und goldenem Ohrring, die mit Kontrabass, Keyboard, Akkordeon und Hackbrett volkstümlich aber sehr hörbar weil authentisch musizierten. Und das Allerbeste wurde gegen später zum Besten gegeben: ein Tisch voll weiterer klassisch gekleideter Rotwesten hob spontan zum mehrstimmigen Gesang an. Klänge verschiedener Akkorde, die ohne Noten und Text entstanden und sich scheinbar spontan ineinander verwoben, von kräftigen, schönen Baritonstimmen erzeugt. Ein absoluter Gänsehautmoment.

Es wurde musiziert. Wie man hier so musiziert.
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