Zum Felsriesen

Schwägalp – Lauchwis – Stoossattel – Tierwis

Waren wir am Raben bis auf die Schwägalp gelaufen, wollten wir am Sonntag hier unsere Wanderung nahtlos fortsetzen. Also bestand die erste Aktivität wieder im Besteigen des Busses, hier liebevoll Postauto genannt, de uns wieder zurück an die Stalle brachte, an der wir zuvor die letzte Etappe beendet hatten.

Das Bild war wieder sehr ähnlich wie am Vortag. Eine schier endlose Blechlawine hatte sich schon auf alle verfügbaren Parkflächen verteilt, Motorräder dröhnten schon in großer Zahl hin und her auf diesem beliebten Pass. Eine wahre Wandererkarawane befand sich auf dem steilen Steig direkt zum Säntis. Den wir allerdings sehr bald links liegen ließen, da unser Tagesziel die Tierwis und das gleichnamige Berggasthaus an der Westflanke des Säntis war. Der direkte Aufstieg wäre steil, überlaufen und in zwei Stunden geschafft. Wir wollten uns allerdings den ganzen Tag vergnügen, deswegen hatten wir einen großen Umweg geplant.

Zunächst ging es sogar ein wenig bergab. So viel, dass sogar schon Bedenken geäußert wurden ob der Richtigkeit des eingeschlagenen Wegs. Dank Routenplanung und genug Saft auf dem Smartphone und dessen GPS-Funktionalität ist das ja heutzutage gar kein Problem mehr, halbmetergenau zu verfolgen, wenn man das Gefühl hat, von der eigenen Planung abgewichen zu sein.

Aber alles korrekt. Fast einsam überquerten wir zunächst die Säntisalpe. Die Kühe waren hier ebenfalls schon weg. Die Ruhe wurde nur durch die Passstraße beeinträchtigt. Das Motorradgedröhn sollte uns den halben Tag zumindest unterschwellig begleiten.

Friedliche Alplandschaft. Der Motorradsound von der Passstraße war allerdings nicht zu überhören.

Ein leise plätscherndes Bächli überquert und dann ging es auch schon bergauf. Noch ein letztes Mal spendete uns ein Brunnen an einer auch schon verlassenen Sennhütte Wasser zum Auffüllen unserer Flaschen, dann wurde es sehr alpin. Der Blick nach links zeigte einen weiten sehr steilen Hang – da ging unsere Route durch. Durchaus anspruchsvoll und vor allem nichts für Höhenängstliche – ein meist sehr schmaler Pfad, der sich felsig und kühn durch den steilen Hang schwang. Eine ganze Weile waren wir hier beschäftigt, bis wir den Stoossattel erreichten, wo man ganz plötzlich und ebenso steil und kühn in die andere Talseite hinunter schauen konnte.

Von dort führte der Weg steil einen Grashügel hinauf, nach der Balancenummer im Steilhang trotz der Steilheit recht angenehm. Und bald öffnete sich der Blick auf eine spektakuläre Felsenlandschaft. So könnte es auf dem Mond aussehen – große und kleine zackige Felsbrocken wie ausgeschüttet auf den Hängen. Dort, wo die Felswände in den Himmel wuchsen, wellenförmige Muster aus parallelen Bändern einstiger Meeresbodenschichten, die jetzt Tausende von Metern in die Höhe ragen.

Spektakulär: Felsen und Geröll, so weit das Auge reicht.

Mit der Querung dieser Felsenlandschaft waren wir jetzt eine ganze Weile zugange. Nicht mehr so ausgesetzt wie im Steilhang zuvor machte das Hopsen von Stein zu Stein sehr viel Spaß. Man muss natürlich sehr aufpassen, dass man nicht zwischen die scharfkantigen Brocken gerät und die Schritte gut und sicher setzt. Ein ständiges Auf und Ab forderte allerdings auch noch mal die schon etwas müden Wandererbeine. Aber die Sonne lachte vom blauen Himmel, jetzt konnten wir die perfekte Ruhe genießen und Stück für Stück kamen wir voran.

Kurz vor dem Ziel zeigte sich, dass die Pfiffe, die uns schon im Steilhang auf der anderen Bergseite stets begleitet hatte, tatsächlich von Murmeltieren kamen: rannte doch ein wahrhaftiges Exemplar ein paar Meter von uns entfernt durch die Wiese. Leider reagiert es auf den Zuruf und die Bitte zum Fototermin nicht, sondern verdünnisierte sich vermutlich in seinem unterirdischen Zuhause. Murmeltiere scheinen noch nicht so sehr der Selfie-Kultur anzuhängen wie manche Menschen.

Und dann war die Tierwis erreicht. Eine „urchige“ (so sagt der Schweizer) Wirtschaft, die schon unseren Urgroßeltern Speis und Schutz vor alpinem Ungemach boten. Und seit dieser Zeit wurde sie auch nur behutsam modernisiert. Alles gut in Schuss gehalten und sogar ein bisschen elektrisches Licht per LED-Beleuchtung. Aber die Dielen knarzen seit vielen Jahrzehnten ihre Seufzer und die Bänke und Tische mit ihren kunstvoll gedrechselten Beinen im Speiseraum haben schon viele Wanderer gesehen.

Die Tierwis links, der Säntis rechts.

Am nächsten Morgen ging es dann das letzte Stück bis auf den Säntisgipfel hinauf. Was an einem Montagmorgen eine ziemlich gute Idee ist, da wir wieder fast alleine unterwegs waren. Der Steig auf den Gipfel ist zwar felsig und steil, aber so abgesichert und angelegt, dass die Massen, die an Wochenenden hier hinauf walzen, sicher ankommen. Im Vergleich zum Vortag war das also eine überschaubare Nummer. Fulminant windet sich der Steig zum Schluss über den Gipfelgrat, hier allerdings mit doppeltem Drahtseil und Stahlstufen versehen. Offensichtlich wurde das letzte Stück gegenüber früher auch noch entschärft – ich kann mich an eine Leiter direkt am Fels und eine Stahltür erinnern, durch die man ins Innere der Gipfelanlage kam und danach auf die Plattform. Jetzt war das eine Tür, die ins Innere eines Bretterverschlags führte und dann in den Tunnel.

Beim Gipfelaufstieg zum Säntis: Ganz oben – zwei Steinböcke! In ganz echt!

Auf der Gipfelplattform begegneten einem dereinst (in präpandemischen Zeiten) durchaus zum Beispiel Chinesinnen mit Goldsandälchen. Jetzt waren es im Wesentlichen Schweizer und eine Handvoll Deutsche, zum Teil aber ähnlich ausgerüstet. Was einem ziemlich grotesk vorkommt, nachdem man Stunden im steilen Fels geschwitzt hat und selbst verdreckt und staubig diesen parfümierten Bergbahnalpinisten begegnet.

Der Sendemast auf dem Säntis. Den kann man sogar – gute Sicht vorausgesetzt – von der Friedrichshafener Uferpromenade sehen.

Nichtsdestotrotz – obwohl schon viele Wolken unterwegs waren, hatten wir noch Sonne und einen fantastischen Ausblick auf Bergspitzen , die aus dem Wolkenmeer ragten. Ein großartiger Kulminationspunkt und ein wunderbares Finale der Kurzreise, die wir mit der Heimreise mit Bergbahn, Postauto, Bahn und Fähre wieder beendeten.

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