Die Entdeckung der Langsamkeit

Trafoi – Stilfser Joch – Umbrail – St. Maria im Münstertal 31 km

Nur 31 km! Das ist ja was für am Frühstück zwischen Müsli und Rührei. Nun gut, etwas anders sollte sich das schon gestalten.

Das Programm war zunächst mal recht deutlich und zwar schon vom Hotel weg klar: bergauf. Hatten wir am Tag zuvor zwar schon die ersten 600 Höhenmeter erledigt, was allerdings die leichtere Übung dieser Passwertung darstellt. Deswegen ging es vom Fleck weg rauf. Stetig und durchaus auch immer wieder steil gerade in diesem Abschnitt, der über viele Kilometer zunächst durch den Wald führt. Man sieht das nicht so, aber die Beine melden Daueralarm selbst im kleinsten Gang.

Das Geschwindigkeitsmessgerät lief eben auch gerade so über der Messgrenze. Laufen wäre kaum langsamer gewesen. Aber immerhin noch ein bisschen, man hat ja auch seinen Stolz.

Und so kurbelten wir uns Kehre um Kehre hinauf. Zahlreich überholt von leichtfüßigen unbepackten Rennradlern, auch einige elektrisch unterstützte Räder waren dabei. Der motorisierte Verkehr war zum Glück recht überschaubar, wäre doch heute das Autofrei-Event gewesen, wenn das nicht Corona verhindert hätte. Dennoch waren Scharen von Radlern unterwegs, genau, wie wir das vermutet hatten.

Die Mädels waren wieder immer etwas schneller, brauchten aber öfter Päuschen. So trafen wir uns immer wieder und von mir entstanden einige Heldenfotos vom Bergaufkurbeln. Und schon irgendwann war die erste Zahl von den Kehrennummerierungsschildern die Drei! Hurra! Und einige Zeit später mit einigem Gekeuch und ab und zu Schmerz (wenn das weiter sooo steil bleibt, sterbe ich) kamen wir zur Franzenshöhe, wo die Nr. 22 steht und der letzte Abschnitt sich sehr beeindruckend und fotogen am Südhang hinaufschwingt.

Das sieht aus, als ginge es bergab. Weit gefehlt. Mir war warm.

Eigentlich hätte ich hier gerne einen längeren Boxenstopp eingelegt aber die Mädels waren schon weiter. Ich drückte mir zumindest einen Riegel hinein, zog ein wenig Getränk aus dem Beutel und packte dann den letzten Abschnitt an – das Wetter drohte mit massiver Verschlechterung. Dadurch war das schon vernünftig, hier nicht zu viel Zeit liegen zu lassen.

Bei meiner letzten Stilfser-Joch-Besteigung war ich nach Eis und Strudel die letzten 22 Kehren in einem Zug durchgezogen. Das war heute nicht drin. An Kehre 17, 9 und 3 musste ich kurz verschnaufen. Was in dieser Höhe tatsächlich spürbar schwerer ging. Die Steilheit war nämlich tatsächlich zumindest meistens ein wenig moderater hier im oberen Abschnitt, aber man pfeift auf dem letzten Loch.

Kehre 22 und der spektakuläre Rest der Passstraße.

Aber dann – 3, 2, 1 – und – Juhuuuuuu! Was für ein Geackere mit einem Liegerad, aber sehr viel bewundernde Blicke um mich herum. Am Ende hatten wir für die 1200 Höhenmeter tatsächlich die anvisierten drei Stunden gebraucht, inklusive aller Pausen. Aber alles gefahren! Bruno machte uns an seinem Stand einen Bratwurstsandwich, den wir vor lauter erschöpft gar nicht schafften. Und sofort mussten wir alle verfügbaren Schichten über die bis dorthin sehr leichte Radkleidung legen. A***hkalt dort oben.

Und was für ein Rummel! Von Bormio hatte tatsächlich das Radevent stattgefunden und am Pass war alles völlig überfüllt mit Radlern, Fußgängern, Autos und Motorrädern. Schnell noch ein paar Gipfelfotos und dann nix wie weg hier! Grauenhaft.

Souvenirs, Souvenirs….

Kalt, kalt, kalt rollte es sich zum Abzweig Umbrail hinunter. Die Sonne war auch weg, zum Glück waren wir nicht in den Wolken gelandet. Das zahme Hügelchen zum Umbrail half, etwas Wärme wieder in die Knochen zu bekommen, aber auch hier verweilten wir nicht lange. Zähne zusammen beißend stürzten wir uns die grandiose Abfahrt hinunter und tatsächlich biss die Kälte an jeder Kehre ein bisschen weniger. Zum Glück war diese Seite schön ruhig, sodass man die Abfahrt sehr genießen konnte. Freundlicherweise zeigte sich die Sonne heraus und die Straße war im Vergleich zu von vor sieben Jahre weitreichend ausgebessert, damals holperten wir uns noch ins Tal.

Wo wir dann auch sehr früh waren und zunächst einmal mit Heißgetränken die immer noch in den Gliedern steckende Kälte vertrieben. Die Etappe war hier ja schon zu Ende, weiter oben im Tal hatten wir keine Unterkunft mehr bekommen. Aber St. Maria ist ein wunderschöner Ort im gleichwohl schönen Münstertal. Gemütlich ließen wir den Tag ausklingen und hoffen auf halbwegs vernünftiges Wetter morgen. Die Aussichten sind gerade etwas mau…

In St. Maria. Die Sonne war uns nochmal wohl gesonnen.
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