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Föhn

Ballymena – Larne 48 km

Die Welt schien doch nicht untergegangen zu sein. Es waren sogar schon wieder blaue Flecken am Himmel, und die Sonne schaute hier und dort durch die Wolkendecke.

Vorsichtigerweise bestellten wir zum Frühstück nur ein „wee Ulster Fry“, also eine kleine Portion. Völlig richtig, diese Entscheidung, ich möchte nicht wissen, wie massiv die reguläre Portion gewesen wäre. Mit dem „Leighinmohr Hotel“ hatten wir wieder eine sehr schöne Unterkunft gefunden. Alles kürzlich von zwei Locals übernommen, frisch renoviert und mit viel Liebe zum Detail eingerichtet.

Unsere letzte Nordirland-Etappe sollte uns knapp 50 km westwärts nach Larne an den Fährehafen bringen. Der Wind war zwar noch da und zunehmend wieder sehr kräftig, aber die Fähren liefen wieder alle. 

Cycle Route Nr. 97 überwindet einen Höhenzug von ca. 200 m, um dann in einem Glen im Dorf Glenarm am Meer zu landen. Der Anstieg war allerdings stetig und recht flach und ein immer kräftigerer Wind wehte uns förmlich hinauf. Sehr entspannende bäuerliche Landschaft mit Schafen und Kühen und Steinmäuerchen. Und fast komplett verkehrsfrei. Und wir hatten verstärkt blauen Himmel und Sonne, obwohl im Westen die graue Schauerwand drohte. Die Wolken blieben schön an der Westseite des Höhenzugs hängen, während ein kleiner feiner Föhneffekt für schönes Wetter genau um uns rum sorgte. Wenn das mal wieder nicht Glück war.

  
In Glenarm Kaffeepause mit Cream Tea und der üblichen Aufklärung über den Cream Tea Day und die Cream Tea Society durch Graham. Ich werde ihn der Society als internationalen Cream Tea Botschafter vorschlagen.

Dann blieben noch knapp 20 Kilometer Küstenstraße nach Süden übrig. Nach wie vor schien die Sonne, wenn auch der Wind hin und wieder aus wenig überschaubaren Richtungen den Hang hinunter knallte. Aber was für ein genialer Küstenabschnitt! Die Straße immer direkt am Strand entlang und trotz offizieller Landstraße mit „A“-Status kaum Verkehr. Eine wunderschöne Küstenlinie mit schroffen weißen Felsen, manchmal führte die Straße zwischen den Felsen hindurch. Gigantisch!

  
Wir erreichten Larne mit viel Zeit und konnten noch ordentlich Mittagspause im Promenade Café machen. Die Überfahrt war unspektakulär reibungslos und direkt am Pier fielen wir in das Anchorage Hotel ein. Ein Haus mit über 200 Jahren Geschichte, auch dieses sehr schön renoviert. Und mit fester und flüssiger Nahrung.

Orkantief

Und es kam wie prophezeit. Der Wind nahm zu und dazu kam Regen. Unser Entschluss, den Zug Richtung Ostküste zu nehmen, konnte kaum passender sein.

Da der Zug bekanntlicherweise sehr viel schneller unterwegs ist als der gemeine Radfahrer, blieb uns einige Zeit, die wir für etwas Sightseeing in Derry verbringen konnten. So ließen wir abgesehen von den Regenklamotten unser Gepäck im Hotel und fuhren nach dem Frühstück unbepackt ins Zentrum. Dort hatte ich ein Museum ausgemacht, das die sowohl die ältere als auch die jüngere Geschichte (London-)Derrys dokumentierte. 

Gerade die jüngere interessierte mich sehr. Ich war nämlich Ende der 80er schon einmal in Nordirland, damals als Mitglied einer deutsch-nordirischen Jugendbegegnungsgruppe, die in Belfast katholische und protestantische Jugendliche zusammen brachte. Für manche war das damals die erste Begegnung mit der anderen Konfession.

Das Nordirland, was ich damals kennen lernte, scheint aber nichts mehr mit dem Land gemeinsam zu haben, welches wir hier besuchten. Ende der 80er waren „the Troubles“ noch voll im Gange: festungsartige Polizeistationen, gepanzerte Fahrzeuge allenthalben, Armeepersonal mit Knarren, die sicher kein Spielzeug waren. Viele Gebäude heruntergekommen oder zerstört. Man traf sich damals nicht auf der Straße, viel zu gefährlich. Bei meinem zweiten Besuch in Belfast saßen wir mit einem Freund in dessen Auto, als es einen lauten Rums tat. In der nahe gelegenen Innenstadt war live eine Bombe hochgegangen. Liams lakonischer Kommentar: „Belfast says hello to you!“

Eine enorme Entwicklung hat sich seither vollzogen. Sowohl die Leute als auch einige der einflussreichsten Rädelsführer hatten in den Neunzigern die Schnauze voll von der Gewalt und ein unglaublicher Prozess startete. Gleichzeitig wurde offensichtlich konsequent investiert. Fast alle Gebäude renoviert oder durch neue ersetzt. Die Innenstadt belebt mit Läden, Cafés und Pubs, Leute unterwegs wie in jeder normalen Stadt. Tolle Radwege, konsequent geplant. Es freute mich ungemein, nach dieser Zeit eine solche Entwicklung festzustellen.

  
Diese Entwicklung war im Tower Museum sehr schön dokumentiert, und auch die ältere Geschichte, in der letztendlich die Begründung dieser Konfessions-Unverträglichkeiten liegt. Hier ging förmlich nach dem Mittelalter in jedem Jahrhundert die Post ab.

Und so war es draußen. Es hatte irgendwann begonnen, richtig zu regnen. Der Wind wurde auch immer stürmischer. In voller Regenmontur kämpften wir uns zum Hotel zurück, was noch die leichtere Übung war, da in dieser Richtung der Wind von hinten kam. Im Hotel breiteten wir kurz unser ganzes nasses Gedöns in der schicken Lobby aus und recherchierten die Folgeunterkunft in Ballymena. Soll ja auch nicht so langweilig sein für die netten Rezeptionsdamen. Keine von ihnen hatte etwas dagegen, in Deutschland wären wir bestimmt angeschnauzt worden.

Dann war es Zeit für den Zug. Regenmontur wieder an und raus in das tobende Wetter. Zu allen Unglück hatte sich meine Kette vom Zahnkranz gelöst. Das passiert natürlich nur in solch einem Inferno. Gut, wieder draufgefummelt und dann gegen den Sturm Richtung Bahnhof geradelt. Stellenweise ging das selbst im ersten Gang, der sonst nur für senkrechte Wände benötigt wird, kaum vorwärts. Und über die Peace Bridge schoben wir über unsere Lenker geduckt, sonst hätte es uns vermutlich in das Geländer geweht. Krass. 1. Juni.

  
Der Zug war pünktlich, neu, sauber und angenehm. Nimm das, deutsche Bahn. In Ballymena angekommen hatten wir nicht mal einen Kilometer zum Hotel. Der Wind war gefühlt etwas weniger. Aber es schüttete in einer unvorstellbaren Stärke, während wir uns durch dicksten Verkehr wurschteln mussten. In der Straße, die zum Hotel führte, waren links und rechts meterbreite reißende Bäche. Selbst das überlebten wir und latschten zum zweiten Mal nass wie die Katzen in ein doch recht schickes Hotel. Kaum erwähnenswert, dass es wenige Minuten später aufhörte.

Sturmtief

Derry – Greencastle – Derry 67 km

Pläne können sich so schnell ändern. Und manchmal muss man flexibel sein.

Der Plan war an und für sich großartig. Nordöstlich von Derry verengt sich die Mündung des Foyle und eine Fähre pendelt an dieser Stelle über den Foyle. Die westliche Route am Foyle entlang ist wesentlich angenehmer, man ist schneller aus der Stadt heraus und eine nicht zu belebte Landstraße führt nach Nordosten. Und man muss nicht aufwändig mit viel Hügeln und Zickzackrouten viel befahrene Straßen umgehen.

   

So beschlossen wir, genau diese Route zu nehmen. Die Landstraße war tatsächlich sehr ruhig und mit einem sehr kräftigen Westwind schob es uns mit bislang nicht erreichter Duchschnittsgeschwindigkeit nach Greencastle. Vor der 12-Uhr-Fähre noch schnell einen Kaffee mit Scone im Museumscafé neben an einenommen, fuhren wir um zehn vor zwölf an den Anleger. Aber oh je, alle Autos aus der Warteschlange weg und zwr nicht auf der Fähre, deren gähnende Leere uns förmlich ansprang? Und das Schild, das zuvor noch die nächste Abfahrt um zwölf Uhr angekündigt hatte, stand jetzt auf 15:00? Das Fährepersonal schilderte, wie sogar die Elf-Uhr-Fähre umkehren musste, weil Böen um die 8 Windstärken das Anlanden auf der Ostseite verhindert hatten. Die Passagiere waren alle zurück gebracht worden. Und ich fürchtete die ganze Hinfahrt, dass die Fähre vielleicht nicht führe. Ich scheine definitiv einen schlechten Einfluss auf Fähren zu haben: mir passiert das jetzt zum dritten Mal, dass mir eine nicht fahrende Fähre die Planung zerhaut. So passiert 2010 in Schottland und in Norwegen.

Mist. Es blieb uns nichts als der geordnete Rückzug. Und der Plan, morgen in Ballycastle das Boot nach Schottland zu nehmen, ist ob der noch schlimmeren Sturmprognosen für morgen völlig utopisch: für morgen sind dann Windböen mit 10 – 11 im Programm. Also beschlossen wir, nach Derry zurück zu fahren, dort zu übernachten, um dann morgen Richtung Larne den Zug zu nehmen. Neben der ungemütlichen Windsituation soll es morgen nämlich auch noch schiffen, was geht. 

  
In Larne geht eine andere Fähre, die südlicher als geplant in Schottland rauskommt. Wir wollten eigentlich über die Kintyre Peninsula noch nach Oban radeln, aber das ist jetzt gecancelt. Due to weather conditions, you know?

So genial wie der Hinweg war, so scheußlich war der Rückweg. Der Wind war natürlich noch erheblich stärker geworden und knallte uns jetzt von vorne entgegen. 30 km, Babe. Dazu schienen sich plötzlich alle Sonntagsausflügler auf genau dieser Landstraße verabredet zu haben. Der Verkehr war um ein Vielfaches stärker als Stunden zuvor und wieder einige Idioten darunter, die einen viel zu knapp überholten. Dazu kamen immer mal wieder heftige Schauer, deren kalte Tropfen sich wie Nadelstiche auf Händen und Gesicht anfühlten.

Gefühlte Stunden später hatten wir das überlebt, aber angenehm ist anders. Immerhin konnten wir ein enormes Familienzimmer im Ramada zum Discountpreis buchen. Lustigerweise genau das Hotel, in dem wir heute morgen frühstücken waren, weil im Aparthotel gab es ja kein Frühstück.

Nordirland

Donegal – Derry 88 km

Oh Mist, schon wieder Regen! Glücklicherweise hörte es auf zu regnen, gerade als wir starteten. Wir folgten wieder der Radroute, weil auch hier immer noch lästig viel Verkehr auf der Hauptstraße ist. Diese wand sich zunächst mit einigen steilen und sehr steilen Anstiegen aus dem Städtchen hinaus. 

Die Route führte dann durch einen dichten Wald. Über und über grün, selbst die Baumstämme mit Moos und Efeu bewachsen. Regenwald in der nordatlantischen Variante. Dann fuhr man an einem See vorbei, dessen Oberfläche spielgelblank da lag. Sehr heimelig, dieser erste Abschnitt.

  
Nach einigen weiteren Ministraßen-Kurven und -Hügel mussten wir auf die Hauptstraße. Zwischen Donegal und Nordirland ist ein Höhenzug zu überwinden. Zwischen zwei mächtigen Bergrücken (OK, es sind zwar nur knapp 600 m, was diese Berge auf dem Buckel haben, aber immerhin vom Meer rauf) fährt man durch hochalpin anmutendes Hochmoorgelände Richtung Osten. Ein richtiggehender kleiner Pass wird hier überquert. Aber mal wieder kein Schild. Und so flach, dass man nicht wirklich wusste, wo die Passhöhe ist.

Mit der Outdoorpause, die den Vormittagskaffee ersetzte, waren wir schnell fertig. In dem sehr windstillen Fichtenwäldchen (ja, so untypische Dinge gibt es hier) waren recht schnell sehr lästige Vertreter der heimischen Insektenwelt vor Ort – Midges! Eigentlich noch zu früh im Jahr, aber offensichtlich scheinen die das nicht gewusst zu haben.

Im Tal angekommen hatten wir etwa 20 km entlang dem Fluss Foyle, der bis Derry fließt. Keine Radroute, etwas mehr Verkehr, aber sehr erträglich und ziemlich flach. Das lief ausnahmsweise mal ganz gut, trotz dass das Sträßchen ein lustiges Bodenwellen-Auf-und-Ab veranstaltete. Aber kein Vergleich mit den Anstiegen, die wir schon hatten.

In Lifford folgten wir wieder der Radroute. Und ja, das hieß auch hier wieder: erst mal den steilsten Hügel weit und breit auf der Direttissima nach oben. Ein paar spielende Kinder fanden (hoffentlich?) ermunternde Worte.

Radroute Nr. 92 blieb dann eine ganze Weile recht aussichtsreich auf dem Hügelzug parallel zum Fluss. Allerdings waen hier in der Gegend zahlreiche Schilder verdreht, überwachsen oder kaputt. Und die Sträßchen hier zum Teil mit mörderisch geflicktem und ausbröselnden Asphalt. Hatten wir schon besser. Möglicherweise ist das hier im Grenzgebiet ein wenig verlassen?

Die letzten Kilometer bis ins Zentrum von Derry waren sehr angenehm. Offensichtlich mal wieder eine alte Bahnlinie mit feinstem Asphalt versehen sorgten für eine anstiegsfreie Reststrecke. Sehr schön ruhig ging diese direkt am Foyle entlang.

  
In Derry musste wie immer die Unterkunftsfrage gelöst werden. Also ab ins Zentrum und den „Market Square“ gesucht. Die steile Straße vom Fluss hinauf wollte ich jetzt gar nicht erwähnen. Oben auf dem Innenstadthügel fand sich das Hotel Madlon, in dem wir um Unterkunft ersuchten. Doch oh je, alles voll, und zwar in allen Hotels! Ferienwochenende sowohl für die Republik-Iren aus auch für die Nordiren, Außerdem ist wohl morgen Marathon hier. Freundlicherweise telefonierte die Dame an der Rezeption die Stadt durch. Und war recht schnell erfolgreich: im Aparthotel war zum Glück noch etwas frei. Ohne Frühstück zwar, aber wenn man keine Wahl hat, ist das zweitrangig. 

Und wir hatten wirklich Glück: eigentlich wäre hier auch voll gewesen, aber offensichtlich hatte sich jemand nicht bis 18:00 gemeldet und war auch nicht gekommen. Noch viel mehr Glück hatten wir mit dieser Unterkunft, da im selben Gebäude ein richtig gutes Restaurant war. Und für das Frühstück sorgt wohl morgen früh ein Coffee Shop, ebenfalls im selben Gebäude. Und außerdem war es den ganzen Tag trocken gewesen und erst nachdem wir in unserer Unterkunft angekommen war, fing es wieder an zu regnen. Manchmal läuft’s.