Adieu, schöne Gegend

Nottuln – Schloss Varlar – Coesfeld – Buldener See – Schapdetten – Sandsteinhof 68 km

Die schöne Gegend gab in Vereinigung mit dem endlich schönen Sommerwetter heute alles, damit wir sie in wohl bester Erinnerung behalten. Eine letzte Landpartie mit Schloss, Eis und See war der Plan, was natürlich nicht viel von den Plänen der anderen Landpartien abwich, aber in einer schönen Gegend wie dieser wird das nicht langweilig.

Wir fuhren heute südlich um die Baumberge herum, hatten aber die Rippe, die dieser Höhenzug bildet, noch spürbar im Anstieg. Ein frischer Wind blies uns zusätzlich von vorn entgegen, was aber für deutlich weniger Schwüle als an den vergangenen Tagen sorgte. Wieder dieser schöne Mix aus Alleen, Äcker, Wäldchen, Klinkerhäusern, Tieren auf der Weide. Kinderbuchillustratoren gehen bestimmt alle hier in die Lehre – hier findet man alle märchenrelevanten Motive, inklusive vieler Schlösser und Burgen. Die Prinzen und Burgfräuleins allerdings fahren heute SUV.

Einen ersten Halt legten wir in Nottuln ein. Auch das wieder ein hübscher Ort mit altem Gemäuer und Kirche im Dorf. Und – ganz wichtig – mit Eisdiele. Als wir das Eis vernichtend so davor standen, rauschte plötzlich ein Velomobil mit sprudelkastenbeladenem Anhänger vorbei. Wie immer in solchen Situationen winkte ich frenetisch, der Velomobilfahrer bremste, stieg aus und rief ebenfalls frenetisch, unsere Fahrräder meinend: „Nee, echt, Wölfe?“. Womit er sich natürlich als echter Kenner outete. Natürlich auch er ein Spezigänger (Spezialradmesse in Germersheim), und auch ein Forumsmitglied im Velomobilforum, der Internetplattformen für alles, was liegend radelt. Sehr nett plauderten wir eine Weile und machten noch ein kleines Fotoshooting, bevor jeder wieder seiner Wege zog.

Norberts Velomobil als alltagstauglicher Autoersatz

Weiter wellten wir uns über die lieblichen Hügel Richtung Westen. Das imposante Schloss Varlar war das nächste Etappenziel. Und tatsächlich, das war bisher das größte und prunkvollste. Na dann mal in den Schlosshof gerollt, da würde es bestimmt einen Kaffee vom Gesinde serviert geben. Aber seltsam – keinerlei Besucher, keinerlei Gastronomie. Wir wollten eben für ein paar Fotos am schönen Eingangsportal posen, als eine Dame – offensichtlich eine Hausangestellte oder so ähnlich – heraus kam. Wir erfuhren, dass das Schloss noch ganz normaler Wohnsitz der fürstlichen Familie sei und sie jetzt beim Rausfahren das Tor schließen würde, durch das wir so ohne Probleme durchrollen konnten. Wir entschuldigen uns natürlich für das versehentliche Eindringen ins fürstliche Anwesen und rollten weiter.

Schloss Varlar. Schon sehr schön, das.

Den Kaffee bekamen wir ein paar Kilometer weiter in Coesfeld. Was ja „Kohsfeld“ ausgesprochen wird, weil es ein westfälisches Dehnungs-E im Namen enthält. Ansonsten tat sich Coesfeld durch nichts wirklich hervor.

Inzwischen war es ordentlich warm geworden und wir wollten nocheinmal zu dem schönen kleinen See von zwei Tagen zuvor. Wir hatten inzwischen die Richtung gewechselt und in südlicher Richtung fällt das Land leicht zur Ruhr ab. Also flach bergab mit Rückenwind. Der Traum des Liegeradlers! Die 20 km waren schnell weggeflogen.

Am See fanden wir wieder ein schönes Plätzchen, allerdings kam gegen später eine ganze Bande Hundebesitzer nebst ihren Vierbeiner vorbei. Die Hundebande feierte Schwimmparty, was sehr drollig anzusehen war. Vor gab es sichtbar große Unterschiede zwischen Hundewasserratten und offensichtlich wasserscheuen Fellnasen. Ein Geplansch und Gewuff war es auf jeden Fall!

Die Hundegang im Bulderner See.

Der Rückweg führte uns wieder nach Schapdetten in die Alte Post. Heute konnten wir im schönen Kirchgarten sitzen und speisen, das Wetter ließ es endlich zu. Alles in allem wieder eine gelungene Landpartie in dieser wunderschönen Gegend. Da kann man gerne mal wieder kommen!

Die Perle der Baumberge und wer muss schon auf Malle?

Billerbeck – Bulderner See – Schapdetten und zurück zur Homebase 53 km

Hurra, das Wetter hatte sich eines besseren besonnen und es fühlte sich plötzlich an wie Sommer. So planten wir eine etwas größere Runde, ein Teilziel sollte Billerbeck sein. Billerbeck gilt als die „Perle der Baumberge“. So steht es sogar bei Wikipedia, auf jeden Fall machte es neugierig und wir planten einen Besuch dort heute.

Die Baumberge waren bei der Hinfahrt durchaus spürbar. Dieser Hügelzug erhebt sich zwar bloß etwa 100 m über dem restlichen Münsterland. Flach ansteigend hat man aber eine ganze Weile etwas vom Bergaufprogramm, wenn auch nie der Puls in lebensbedrohlich hohe Werte ausschlägt. Dafür waren wir von einer merkbaren Schwüle umgeben, die uns den Schweiß aus den Poren trieb. Gewitter waren auch heute angesagt.

Bald sah man aber schon die spitz aufregenden, fast 100 m hohen Türme des so genannten Doms. Der heißt bloß so, ist aber streng genommen keiner, aber immerhin Pilgerkirche auf dem Jakobsweg und hat damit eine gewisse Bedeutung.

Spitz und hoch (und sogar zu zweit), die Türme des Ludgerus-Doms zu Billerbeck.

Ein wirklich sehr hübsches Städtchen ist Billerbeck. Viele gut erhaltene Klinkerhäuschen und wieder Giebelfassaden. Schöne ruhige Altstadplätze, es war aber auch total wenig los. Außer ein paar wenigen versprengten Radtouristen war augenscheinlich niemand unterwegs.

Noch eine zweite, viel ältere Kirche steht am Ende der Altstadt. Und hier gruppieren sich noch ältere Häuser drumherum, Mittelalter pur. Alles sehr schön erhalten und saniert und liebevoll mit Blümchen ergänzt.

Auch hier gibt es der Vollständigkeit halber natürlich eine Burg, wenn sie auch klein war – die Kolvenburg. Auch diese wurde wundervoll erhalten und dient heute als Kulturzentrum. Wir schauten uns die Street-Art-Ausstellung eines gewissen Danny Minnick an. Sehr abstrakt und explosiv, aber ein schöner Kontrast zwischen den altehrwürdigen Mauern und den fröhlich bunten Farben seiner großformatigen Bilder.

Und noch eine Sehenswürdigkeit hat Billerbeck zu bieten: das Flüsschen Berkel entspringt hier und im Quellgebiet befindet sich eine ehemalige Badeanstalt. Was heute eher ein Ententeich ist, in dem niemand mehr baden möchte, aber man hat eine lustige Skulptur mit einer badenden Dame dort installiert, die sich fröhlich schmunzelnd auf ihren Sprung ins Nass vorbereitet.

Springt sie oder springt sie nicht?

Dann waren wir aber selbst fällig. Ein Blick auf die Karten zeigte einen vermutlich badetauglichen Baggersee 15 km südlich von Billerbeck, den Bulderner See. Wir ließen uns dorthin navigieren, nahmen nochmal einen Hügel mit, der uns zwar Schweiß kostete aber eine schöne Aussicht bescherte. Ein paar mal rechts und links auf den zahlreichen schmalen Sträßchen und Alleen der Gegend und dann waren wir auch schon dort. Und fanden sogar eine sehr angenehme, sehr schön ruhige Badestelle mit einem kleinen Stückchen Liegewiese zwischen üppigem Grün von großen Laubbäumen. Zu allem Glück wurde es dann noch mal richtig sonnig, der See war wirklich schön zum Schwimmen – wer muss da nach Malle?

Der Bulderner See. Da hopsten wir wirklich rein.

Auf diese Weise angenehm badeerholt traten wir den Rückzug an. Aber oh weh, da war ja plötzlich eine ganz schwarze Wand am nordwestlichen Himmel? Wind setzte auch kräftig ein, leider in uns nicht ganz wohlgesonnener Richtung, und wir gaben natürlich kräftig Gas, um dem Gewitter zu entkommen. Tatsächlich erreichten wir Schapdetten – gleich bei uns um die Ecke – trocken, wo wir im dortigen Dorfladen noch etwas einkaufen konnten und in der „alten Post“ aufs vorzüglichste zu Abend speisten. Währenddessen es doch ein wenig schauerte, aber schlussendlich erreichten wir unsere Homebase trocken. Was für ein Glück, was für ein schöner Tag.

Von emotionsbedürftigen Ziegen, Baumberger Landschweinen und Holthausener Gärten.

Wieder ein trüber Tag, der nicht zu raumgreifenden Touren einlud. Wir gingen‘s gemütlich an. Der erste Programmpunkt war ohne zu überwindende Distanz – wir hatten André, unseren Landlord und Cheflandwirt des Sandsteinhofs, gebeten, uns ein wenig seinen Betrieb zu zeigen. Was er nach dem Frühstück gerne tat.

Sehr interessant, wie er uns von seinem Weg vom intensiven Schweineproduzenten (zu Hochzeiten hatte er 4000 Schweine, die kannte er dann nicht mehr alle persönlich) zum Biobauer berichtete. Heute hält und vermarktet er Baumberger Landschweine (eine Kreuzung aus Wollschweinen und Bentheimer Landschweinen, sehr wollig!) glücklich im Stall suhlen lässt und betriebt eine Biogasanlage, die nicht nur das Blockheizkraftwerk des Hofs mit Brennstoff versorgt, sondern inzwischen auch lukrativ den Biobauern der Region organischen Dünger zur Verfügung stellt.

Und so nach und nach möchte die Familie Kückmann die schon bestehenden Ferienwohnungen in seinen Hof erweitern und dieses Standbein stärken. Der Hauptbau ist ein imposantes Gebäude, größer als der Friedrichshafener Stadtbahnhof, Platz ist also prinzipiell genug. Über 100 Jahre ist der Hof alt und schon damals war es eine Besonderheit, so groß aus Baumberger Sandstein zu bauen, auch vor über einhundert Jahren schon ein exklusives Baumaterial. Sein Ururgroßvater hatte damals die Tochter des Steinbruchs geehelicht, sehr pfiffig.

Die Baumberger Landschweine des Sandsteinhofs. Ganz neugierig schauten sie, wer da so neugierig schaut.

Danach fühlte sich das Wetter immer noch nicht nach Heldentaten an, immer wieder regnete es leicht. Wir beschlossen, dem nahegelegenen Stift Tilbeck einen Besuch abzustatten. Eine schöne Klosterkirche und ein bisschen alte Klosteranlage, um die sich diverse Sozialheime und -Einrichtungen gruppieren. Ein schönes Café inklusive, mit einer kleinen Kaffeerösterei sogar.

Eine schöne Anlage, in der wir eine Weile lustwandelten. Eine sehr zutrauliche schwarze Katze, die offensichtlich froh um meine Zuwendung war und die ich förmlich in Genießerekstase wieder verließ. Eine große Voliere mit Zebrafinken, Wellensittichen und einem Kanarienvogel, der so inbrünstig sang, als wolle er allen den Tag schöntirilieren. Im kleinen Streichelzoo der Anlage ein ganz ähnliches Bild mit zwei stattlichen schneeweißen Ziegen. Sie streckten uns ihre Hälse am Zaun entgegen und wollten hemmungslos gekrault werden.

Stift Tilbeck. Durchaus einen Besuch wert.

Jetzt sah es zur Abwechslung tatsächlich so aus, als bliebe es trocken. Wir schwangen uns doch noch auf die Räder, um zunächst die kleine Strecke nach Havixbeck zurückzulegen. Ein Eis euphorisierte uns dermaßen, dass wir in nördlicher Richtung aufs Land radelten – zunächst zu einem Spargel- und Erdbeerhof zum Erwerb letztgenannter Früchte und dann noch weiter über schöne Landsträßchen. In Holthausen angekommen – wieder ein sehr hübsches Dorf mit schöner Kirche mittendrin – erwischte es uns aber eiskalt, ein regelrechter Guss kam von jetzt auf nachher vom Himmel. Wir retteten uns unter dem Carport eines Privatgrundstücks. Dort hatten wir nebst eindringlichem Pladdern des Regens auf das Blechdach des Carports immerhin den Ausblick auf einen wunderschönen Garten.

Rückzug war dann doch wieder angesagt, und das Regenzeug kam noch mal zum Einsatz. In Havixbeck erwischte es uns noch mal, da waren wir aber vorbereitet und immerhin war der Schauer nach 20 min. durch. Ein durchaus durchwachsener Tag, aber doch wieder etwas erlebt.

Unterwegs im Münsterland

Von Havixbeck – Natrup nach Münster

Wie ist es also, hier im Münsterland?

Fährt man hier vom Hof los, nach Norden oder nach Süden, landet man sofort auf einem Radweg. Meistens in sehr guten Zustand, gut asphaltiert. Bei wenigen Baumwurzeln warnen Schilder den Radfahrer, dass es Radwegschäden gäbe. Überhaupt ist das Fahrrad das absolut geeignete Verkehrsmittel im Münsterland.

Weites Land. Fahrräder werden hier lange genutzt.

Die Landschaft breitet sich meistens weit vor dem Radfahrer aus. Eine großzügige Mischung aus Bauernland, Wald, Höfen mit Klinker- oder Sandsteinfassaden. Die Siedlungen oft weit verstreut, die Höfe dafür zumeist aus mehreren großen Gebäuden, die oft wie Trutzburgen wirken.

Das Land ist flach, aber nicht komplett. In fast unmerklichen zarten Wellen erheben sich die Straßen leicht oder der Radfahrer freut sich über ein kleines, dafür langanhaltendes Gefälle. Nicht die Steilheit schiebt ihn zu euphorisierender Geschwindigkeit an, sondern die lange Zeit der geringen Beschleunigung.

Die Straßen oft von Alleebäumen gesäumt. Manchmal sehr alter Bestand, der dann bisweilen bis zum grünen Tunnel zusammengewachsen ist und bei Regen den Fahrradfahrer wohlwollend eine Weile vor dem Nasswerden bewahrt. Oder Alleen mit schlanken, jungen Bäumen, die in Reih und Glied die Straße säumen.

Viele Äcker und Felder, auf denen so manches angebaut wird. Landwirtschaft ist hier nicht romantisch, sondern Broterwerb. Nicht jedoch die riesigen Äcker, wie man sie im Ostdeutschen kennt, Hier sieht man immer die Grenzen des Ackers und überblickt das Feld. Hin und wieder ein Streifen Wildblumen, die farbige Tupfer in diese Variation von Grün setzen, Klatschmohn, Kornblumen oder Kamille.

Oft sind die Felder durch kleine Wäldchen voneinander abgetrennt. Zumeist Laubbäume; viele alte Baumpersönlichkeiten, an deren Stämme sich seit Generationen das Efeu nach oben schlängelt. Kühe auf der Weide, wunderschöne Exemplare mit schwarzen oder braunen Flecken auf sonst makellos weißem Fell. Allenthalben stolze Pferde, die gelassen das fette Gras der Weiden vor sich hinkauen.

Burgen und Wasserschlösser geben Zeugnis von einer wohlhabenden Vergangenheit. Überhaupt hat man oft das Gefühl, dass es hier genau so auch schon vor vierhundert Jahren ausgesehen hat. Wenig störende Industriebauten oder gar ausgedehnte Gebiete. Das Kapital ist das Land, die Wertschöpfung erfolgt auf dem Traktor und im Gasthaus. Und den Gast erfreut‘s.

In den Orten ebenfalls viel Klinker und Sandstein, auch dort oft Zeugnisse einer reichen Vergangenheit. Große Kirchenbauten erzählen von einer schon früher herrschenden Frömmigkeit. Man ist katholisch hier. In den Städtchen und Orten viele beeindruckende Giebelfassaden, die oft kunstvoll gestaltet sind. Durchaus durchmischt mit neueren Gebäuden, die aber auch meistens geklinkert sind.

Lüdinghausen: Klinker.Giebelfassaden und Fahrräder

Überall Ansammlungen von Fahrrädern, die hier „Leeze“ heißen und schon sehr ähnlich zu den Hollandrädern sind, die – wie der Name schon sagt – in Holland gefahren werden. Der Münsteraner radelt aufrecht und trotz der Technik, die sich um die letzten 30 Jahre Fahrradtechnologie nicht gekümmert zu haben scheint, ist der Münsteraner mit seinem Aufrechtmodell flott unterwegs.

Eine sehr einladende Gegend. Unprätentiös, ohne die ganz großen Touristenmagnete, dennoch gut und warmherzig auf Gäste eingestellt. Man kann sich wohlfühlen, hier im Münsterland.

Zu Besuch bei der Droste

Mörderetappen standen nicht mehr auf dem Plan. Im Gegenteil verhießen die Wetterprognosen unterschiedliche Verläufe unbeständigen Schauerwetters. Deswegen war der Plan, in der näheren Umgebung etwas Sehenswertes zu besuchen, um uns im Ernstfall in kurzer Dístanz zu unserem Feriendomizil zu befinden.

Die Burg Hülshoff ist hier gleich um die Ecke. Das schien also ein erstes lohnenswertes Ziel zu sein, zumal wir Bodensee-Anrainer ja eine besondere Beziehung zu Anette haben, verbrachte sie ihre letzten Lebensjahre doch bei uns, auf der Meersburg. So besuchten wir ihre Jugendstätte – quasi als Gegenbesuch. Nach kurzer Fahrt über das schöne Land auf (schon) gewohnt guten Fahrradwegen erreichten wir das Wasserschloss.

Burg Hülshoff

Ein schönes Anwesen, die Droste-Hülshoffs hatten schon Generationen an diesem Platz verbracht und konnten sich auch schon vor vielen hundert Jahren offensichtlich „was leisten“. Ein großzügiger Park mit immensen einzelstehenden prächtigen Baumexemplaren lud uns zunächst zum Lustwandeln ein. Durchaus eine Alternative zum Kilometer kloppen.

Wo wir schon mal da waren, besichtigten wir auch die als kleines Museum eingerichteten Räume des Schlösschens. Per selbstverständlich frisch desinfiziertem Audioguide wird man von Raum zu Raum geführt, während man sich das Ding ans Ohr hält, auf dem man zuvor die Nummer an der Wand gewählt hat. Ich lese zwar in der Regel lieber (was hier nicht möglich war – keine Tafeln), aber der Eintritt war schon bezahlt.

Nichtsdestotrotz eine sehr interessante Einführung in das Schlossleben und in das Leben der großen Dichterin, die es alles andere als leicht hatte. Als Frühgeburt hatte sie immer mit einer instabilen Gesundheit zu kämpfen, kurzsichtig war sie wohl auch. Verheiratet war sie nie, was wohl auch viel mit ihrer Mutter zu tun hatte – Mutter und beide Schwestern gluckten lange in einer regelrechten Weiberwirtschaft zusammen. Anettes Schwester heiratete dann irgendwann einen wohlhabenden Schweizer, in dessen Familienbesitz sich die Meersburg befand, was dann zu ihrem letzten Wohnsitz wurde.

Anette herself. Ungünstiges Make-Up.

Anstrengender war aber auf jeden Fall die Tatsache, dass sie sehr begabt war und dazu noch ihre eigenen Vorstellungen hatte. Es ziemte sich im frühen 19. Jahrhundert für Fräuleins nicht, einen eigenen Kopf zu haben. Nichtsdestotrotz schaffte sie es, zur bedeutendsten Dichterin ihrer Zeit zu wachsen und bis heute ihren Platz in der Reihe großer deutscher Dichter und Schriftsteller einzunehmen.

Nach so viel Nahrung für den Geist war es wieder einmal an der Zeit an das leibliche Wohl zu denken. Ein hübsches Café im Innenhof ließ uns noch ein wenig mehr verweilen. Die Speisekarte war voller Reminiszenzen an romantische Literatur, und auch der zu schnell gelesene „Elefantentraum“ war dann doch ein Elfentraum und als süßes Zwischenhäppchen sofort bestellt.

Danach sollte der Tag doch noch etwas sportlicher werden – es war immer noch trocken und sehr schwül-warm. Wir wollten als nächstes Besichtigungsziel Billerbeck ansteuern, was als sehr schönes Städtchen hier in der Gegend gepriesen wird. Die Route führte uns über die Baumberge, die sich am höchsten Punkt immerhin 100 Meter über dem restliche Land erheben. Am höchsten Punkt angekommen, trat ein, was uns alle Wetter-Apps prophezeit hatten: es fing an zu regnen.

Erst ein bisschen, dann hörte es noch mal auf, dann wieder ein bisschen, dann ein bisschen mehr. So ungefähr eierten wir auch eine Weile hin und her, ob wir weiterfahren sollten oder uns zurück in Richtung unserer Homebase begeben sollten. Schlussendlich fuhren wir zurück nach Havixbeck downtown. Dort gab es noch mal ein Eis, und dann legte es richtig los – Starkregen vom feinsten. Havixbeck hat einen hübschen gotischen Torbogen, der sehr praktisch ist, wenn man als Radfahrer vor plötzlich auftretenden Niederschlägen flüchten muss. Wir waren nicht allein.

Im Torbogen, draußen sehr ungemütlich.

Eine ganze Weile harrten wir noch aus, bis wir mit Regenzeug durch die immer noch kräftige Schüttung ein Restaurant ansteuerten. Auch nach dem Essen hatten wir es mit zum Glück wenigen sintflutartigen Regenkilometern zu tun. Trotz allem waren wir nicht ertrunken und am Ende Ross und Reiter im Trockenen.

Ins Münsterland

Herne – Schiffshebewerk Henrichenburg – Datteln – Olfen – Lüdinghausen – Senden – Bösensell – Havixbeck 70 km

Das Parkhotel bot uns nicht nur eine wunderschöne Lage, sondern an diesem Tag auch ein bemerkenswertes Frühstück – Buffet trotz dieser Corona-Zeiten. Aber alles hygienisch gelöst, sodass gar nichts passieren konnte. Alle mussten sich vor dem Benutzen des Buffets die Hände desinfizieren und am Buffet musste man seinen Mund-Nasen-Schutz tragen.

Derart gestärkt gingen wir die letzte Etappe zu unserer Unterkunft an. In Havixbeck hatten wir auf dem Sandsteinhof Kückmann das Mühlenhäuschen für eine Woche gemietet, um von dort dann Touren in die Umgebung zu machen.

Herne verließ uns ähnlich angenehm wie es na am Vortag empfangen hatte. Unsere Route führte bald durch ein hübsches Schrebergarten-Gelände, um dann am Rhein-Herne-Kanal entlang zu führen. Schöne ruhige Radelroute im Grünen. So gelangte wir angenehm zum Schiffshebewerk Henrichenburg. Eine monumentale Erinnerung an die frühe Wachstumsphase der gerade aufkeimenden Industrialiserung in überwältigenden Mengen Sandstein und Stahl.

Schiffshebewerk Henrichenburg. Stolzes Erinnerungsstück preußischer Ingenieurskunst.

Danach mussten wir einige Kilometer an einer lebhaften Landstraße fahren, allerdings immer mit richtigem Fahrradstreifen und erträglichen Bordsteinkanten-Übergängen. Also keine mehr, auf denen es den armen Liegeradler aus dem Sitz sprengt, wenn er mit mehr als zehn Stundenkilometern drüber fährt.

Aber dann wieder Kanal, viel Grün, schöne schattige Alleen. Viele Klinkerbauten, große Höfe und das eine oder andere Schlösschen tauchten am Wegesrand auf. Das mutete nach Münsterland an, und bald hatten wir auch die Grenze des Landkreises Coesfeld überschritten, dann waren wir also wirklich da.

Lüdinghausen kündigte sich an parallel mit dem üblichen Mittagshüngerchen und aufgrund des sehr sommerlichen Wetters auch ordentlich Durst. Das hübsche Städtchen bot uns eine gute Auswahl. Viele Fahrradfahrer waren hier unterwegs, das scheint hier tatsächlich sehr viel verbreiteter zu sein als in vielen anderen Regionen unseres Landes.

In Lüdinghausen.

Der Nachmittag wurde richtig heiß. Eine Badestelle musste her. Nach sehr schöner Überlandstrecke mit wieder schönen Alleen kamen wir dieses Mal an den Dortmund-Ems-Kanal. Dort waren schon einige Badende, vereinzelt sah man sogar schwimmende Menschen drin. Wir fanden eine Stelle mit bequemer Leiter, mit der man dann auch wieder herauskäme. Das Wasser war tatsächlich sehr angenehm, kaum trübe und sehr erfrischend.

Am und im Dortmund-Ems-Kanal. Am gelben Bügel ist eine Leiter. So praktisch.

Unser endgültiges Ziel war dann nicht mehr weit und dank Navigation auch sofort gefunden. Ein sehr hübsches Häuschen haben wir jetzt. Unser Koffer, den wir per DHL am Dienstag verschickt hatten, war allerdings noch nicht angekommen, was etwas ärgerlich war. Drei Werktage sollten ja ausreichend sein, Aber im Prinzip nicht so schlimm, wir sind in einer schönen Gegend, das Wetter ist toll, wir haben ein süßes Knusperhäuschen, mein Schatz konnte Fußball gucken und ich habe uns etwas leckeres gekocht. Auch so geht Urlaub!

Unser Mühlenhäuschen. Sehr hübsch.

Zur Ruhr

(Bonn -) Düsseldorf – Duisburg – Mülheim – Essen – Bochum – Herne 80 km

Zu Beginn dieser Etappe leistete ich mir noch einmal ein paar Zugkilometer. Nach reiflicher Planung am Vortag kam ich zu der Überzeugung, dass der Großstadtmoloch rund um Köln nur direkt am Rhein erträglich zu überwinden war, was mir aber die Streckenlänge unpassend erweitern würde. Freitag Nachmittag Bochum Hauptbahnhof war gesetzt, da dann mein Herzblatt mit dem Zug dort ankommen würde. Deswegen erschien Düsseldorf als geeigneter Startpunkt, hier konnte ich eine Route planen, die zunächst am Rhein entlang und dann ganz viel durchs Grüne führen sollte.

Aus Düsseldorf hinaus führten mich die ersten Kilometer am Rhein entlang unter schönen alten Alleebäumen. Die Sonne schien von einem beinahe makellosen Himmel und sorgten für das typische Alleelicht – ganz viel Sonnenflecken im Schatten der weiten Baumkronen.

Kurz hinter Düsseldorf – Zentrum. So radelt man gerne im Sommer.

Ein erstes Highlight am Weg war Kayserswerth. Hier war die Kaiserpfalz aus dem 12. Jahrhundert zu bestaunen und gleich anschließend – ich musste dort sowieso in Richtung Osten abbiegen – eine wunderschöne Altstadt dieses einst durchaus bedeutenden Fleckens. War immerhin auch mal Reichsstadt, und immer noch sehr viel altes Gemäuer erhalten.

Danach wurde meine Route sehr grün. Ich fuhr durch angenehm schattigen Wald, kam immer mal wieder an einem Pferdegehöft vorbei und sogar kleine Seen fanden sich in diesem Landstrich immer wieder. Zur besten Mittagspausenzeit fand sich auch just eine wunderschöne Biergartenterrasse, die auf den Masurensee hinausschaute.

Mittagspause am Masurensee

Ein wenig Stock und Stein und Wald und Holperpfad weiter erreichte ich Mülheim. Hier ist der Beginn des Ruhr-Radschnellwegs RS1, der im Endausbau einmal 100 km lang sein soll. Die zur Zeit existierenden ca. zwölfeinhalb Kilometer waren aber auch schon mal toll. Auf der ehemaligen Bahtrasse der Rheinbahn angelegt, kurbelt man kreuzungsfrei auf schönem Belag ungestört vor sich hin. Das war dann auch entsprechend schnell vorbei, schade.

Radschnellweg RS1. Läuft!

Dann Essen. Ich hatte zwar immer wieder Streckenabschnitte im Grünen zusammen kombiniert, aber die mussten ja auch verbunden werden. Was etwas lästig und sehr anstrengend war. Immer wieder Randsteine oder schlecht abgesenkte Bordsteinkanten. Zum Teil übelste Schlaglochpisten, auf denen sie ganz offiziell die Radler entlang schicken. Pflaster wie vor 100 Jahren. Und Millionen von Bettelampeln, vor denen man immer gefühlt ewig wartet. Und wenn mal keine Ampel vorhanden ist, muss man irgendwie zwischen den Randsteinen über die Straßen lavieren. Einmal hätte es mich fast mitten auf die Kreuzung gelegt, weil Bordsteinkante runter, links rum und über die Straße gleichzeitig, wenn endlich die Lücke der fett motorisierten Automobile da ist, fast zuviel war. Aber gerade noch abgefangen, zum Glück.

Es folgte auch keine Einkehr mehr.Wenn es Lokalitäten gab, waren diese nicht sehr einladend. Ich fuhr also durch bis Bochum.

Bochum downtown.

Bochums Innenstadt ist sehr unprätentiös, war aber ganz angenehm. Einige Leute auf der Straße die der Innenstadt eine geruhsame Betriebsamkeit verliehen. Zuerst gönnte ich mir einen Eisbecher, dann war noch gut Wartezeit übrig, die ich direkt vor dem Bahnhof in einem frisch designten Kumpir-Bistro direkt am Bahnhofsgebäude verbrachte.

Meine bessere Hälfte war pünktlich da, und wir freuten uns nach fünf Tagen beiderseitiger Einsamkeit über das Wiedersehen. Ich nahm ihn in den Schlepptau und wir fuhren schon die ersten 10 km in Richtung unseres Feriendomizils. Im Parkhotel in Herne hatte ich gebucht, dorthin hate ich auch wieder versucht, Grünstreifen zur Route zu kombinieren.

Was ganz gut gelang, allerdings höhenoptimiert war die Route nicht. Ganz schöne Hügelei dort im Stadtgebiet, die wir komplett mitnahmen. Nichtsdestotrotz sind 10 Kilometer dann trotzdem schnell rum, Herne erwies sich als recht schöne Stadt mit vielen ansehnlichen Häusern. Und der Weg zum Stadtpark war noch richtig schön, genauso wie das Hotel, das hier mittendrin liegt. Mit Biergarten, der uns nach unserer Ankunft wunderbar versorgte.

Am Rhein

Bingen – Bacharach – St. Goar – Boppard – Koblenz (- Bonn) 70 km

Ach nee, der erste Blick aus dem Hotelfenster zeigte schon wieder nasses Pflaster. Wieder nur minimales Getröpfel, aber wieder das gewohnte Grau in Grau am Himmel. Heute sollte es doch schön werden!

Deswegen und aufgrund gewisser Ausfallserscheinungen meines Bio-Antriebs (schmerzende Knie und eine aufmuckende Achillessehne) beschloss ich, mir einen easy day zu gönnen. Bis Koblenz war der Plan per Rad, dann zum gebuchten Zimmer im Beethoven-Hotel in Bonn den Zug. Deswegen ließ ich mir auch ganz gemütlich Zeit und war erst um neun Uhr auf der Piste zurück.

Bis auf einen Schauer, den ich kurz unter dichtem Blätterwerk abwartete, war der Regen zum Glück ignorabel. Die Sonne fehlte halt wieder. Trotzdem genossich im gemütlichen Bummeltempo diese schöne Ecke des Rheintals mit ihren steilen Hängen, auf denen hier und dort aus den Wein- oder Waldhügeln eine Burg nach unten zum Fluss schaut.

Burgen oben und unten

In Bacharach erlaubte ich mir deswegen heute eine frühe Kaffeepause nach nicht einmal einer Stunde. Ich fand einen offenen Bäckerladen, allerdings auch wieder nur Pappbecherkaffee. Den konnte ich aber ein Stückchen weiter auf dem Rad geschaukelt auf dem Raucherbänkchen einer geschlossenen Weinstube zu mir nehmen. Immerhin mit Blick auf schöne Fachwerkfassaden.

Bacharach. Sehr hübsch.

Da die Möglichkeiten eines Boxenstopps am Rheinradweg eher marginal sind – entweder sichtbar von der Straße oder vom viel befahrenen Fluss, steuerte ich in St. Goarshausen die nächste Lokalität an. Und man kann auch um 11:00 schon ein Stück Erdbeerkuchen essen, das geht! Mit schönem Blick auf die Lorelei ließ ich eine ganze Weile Frachtkähne und megalange Güterzüge am anderen Ufer an mir vorbeiziehen.

Der Rheinradweg machte meistens viel Spaß, gut beschildert, in oft gutem Zustand und direkt am Rhein. Sehr schön folgt man dem Fluss Schleife um Schleife. Boppard war dann auch nicht mehr weit. Eine lebhafte Promenade empfing mich und eine hübsche Einkehr versorgte mich mit einem kleinen Mittagssnack.

Hier ist eine der wenigen Möglichkeiten, den Rhein zu überqueren. Es gibt hier nämlich so gut wie keine Brücken über den Rhein, nur ab und zu eine Fähre. Und in Boppard ist so eine putzige kleine – also verglichen mit denen, die wir am Bodensee so gewohnt sind. Immerhin groß genug für ein paar Pferde und noch eine mit Pferden bespannte Kutsche dazu. Naja, die mussten halt offensichtlich auch das Ufer wechseln und schwimmen ist dann doch keine Option.

Pferdefähre Boppard

Bis Koblenz war dann oft üble Holperpiste oder auch einiges an Kopfsteinpflaster. Ich hopste auf meiner „Hängematte“ – d. H., der Netz-Sitzbespannung – zum Teil ganz schön rum. Nicht so schlimm, das Ziel Koblenz war nicht mehr weit. Bis zum deutschen Eck fuhr ich. Dort war feiertagsbedingt ein durchaus intensives rummelartiges Geschehen, alle aber brav auf Distanz. Ich möchte nicht wissen, wie es hier vor Corona-Zeiten zuging, mir war das so schon zu viel. Und es fing dann tatsächlich hier auch noch mal zu regnen an. Das Wetterradar zeigte einen winzigen Niederschlagsstreifen direkt über Koblenz. Ich wartete unter einer großen alten Pappel, die zum Glück keinen Tropfen durchließ. Und nach kurzer Zeit war der Guss dann auch rum.

In der Altstadt war mir aber auch zu viel los, und so zog ich bald Richtung Bahnhof und hatte auch bald eine Verbindung nach Bonn. Hier gönnte ich mir noch einen kleinen Rundgang und fand dann aber schnell das Beethoven-Hotel, in dem ich gebucht hatte.

Kontraste

Germersheim – Flomersheim -Worms – Gau-Odernheim – Gau-Bickelheim – Bingen 131 km

Der erste Blick aus dem Fenster zeigte einen gleichmäßig grauen Himmel, aber es war trocken. Immerhin. Auch hier war wieder eine himmlische Ruhe in der Nacht gewesen, mein Zimmer ging zum Hinterhof hinaus, in dem auch der Wolf übernachten durfte. Nach einem tollen Frühstück mit Müsli und Nicht-Kuh-Milch war ich bald wieder on the road again.

Ein Großteil der heutigen Etappe versprach komplett flach zu verlaufen. Aber flach bedeutet halt auch immer Wind. Und der war tatsächlich in meinem Fall deutlich und gegen mich. Wäre ja auch zu einfach sonst.

Die ersten Kilometer führten mich durch eine landwirtschaftlich geprägte Gegend. Hier werden die berühmten Pfälzer Kartoffeln angebaut, und noch vieles mehr. Erntehelfer waren bei der Kohlernte zu sehen.

Flaches Bauernland.

In Flomersheim gönnte ich mir die erste Kaffeepause nach gut 40 Kilometern. Vorher gab es auch nichts in den typischen Pfälzer Orten – Häuser rechts und links der Dorfstraßen, die ihre Giebel wie auf einer Schnur aufgereiht in beige, grau oder altrosa zeigen. Außer dem obligatorischen Dorf-Döner, den es tatsächlich fast immer gibt, ist sonst nicht mehr viel Leben in diesen Orten. Nicht mal Bäckereien, die dem Radwanderer einen Kaffee bieten könnten, gab es über eine lange Strecke.

Danach folgten die bisher unangenehmsten Kilometer auf dieser Tour. Schlechte baumwurzelbehaftete Rüttelpisten als Fahrradwege, unschöne Industriebauten allenthalben und schrecklich viel Verkehr auf den Straßen. Dazu Gegenwind und kurz vor Worms fing es auch noch an zu regnen. Vom Feinsten. Zum Glück gibt es diese Abschnitte meist selten auf Fahrradtouren.

In Worms fand ich eine nette Lokalität – eigentlich ein Spezialitätenladen, der aber auch Mittagsbuffet anbot. In Coronazeiten wurde mir der Teller von der freundlichen Dame dort gefüllt, was dem Genuss nicht schadete. Dann noch kurz den Dom umkurvt und weiter ging es in Richtung Rheinhessisches Weinland.

Hier war die Flachetappe zwar zunächst erst mal beendet – ordentlich spürbar ging es einige Anhöhen in den Weinbergen hinauf. Das Wetter wurde spürbar besser, zum Glück. Die Gegend aber ist wirklich schön, sanft gewellte Weinhänge, dazwischen pittoreske Dörfer, die ihre Kirchtürme weithin sichtbar in die Gegend strecken. Wohl so ein bisschen wie Toskana, obwohl ich dort noch nie war. Ich fuhr viel Landstraße, zum Teil wunderbar ruhig, zum Teil in Autobahnnähe sehr verkehrsverseucht.

Auf einer der Anhöhen. Rolling hills.

Gegen Nachmittag war aber wieder einmal Kaffeedurst mehr und mehr präsent. Wieder die gleich Problematik wie am Vormittag – nichts vorhanden in den Dörfern. In Gau-Bickelheim dann tauchte ein Dorfladen mit dem lustigen Namen Schweinothek links auf, der normalerweise Gastronomie betreibt. Der war in Coronazeiten jedoch auf ToGo-Kaffee reduziert, und ich durfte den auch nicht auf dem Hof trinken, sondern musste vor das Grundstück, und dort an der lauten Straße den Pappbecher leeren. Die Besitzerin war aber sehr nett, sie bedauerte die in diesem Fall etwas absurden Regelungen selbst.

Dann fehlten noch 20 km bis Bingen. Die verliefen auf schöner Radroute, bis zwischendrin offensichtlich mal ein Schild fehlte. Ich orientierte mich Richtung Nahetal und gewann noch einmal einen Hügel, über den ich drüber durfte. Nach fast 120 km hätte der nicht wirklich sein müssen.

Die Letten Kilometer verliefen aber am schönen Nahe-Radweg ruhig und schön und bald war wieder der Rhein erreicht. Direkt an der Ecke, wo die Nahe in den Rhein fließt, stand auch mein Hotel, ein großer nh-Kasten, also keine Sucherei nötig. Trotz großer, etwas unpersönlicher Hotelkette sehr angenehm, der Wolf darf nebst vielen anderen Rädern in der momentan stillgelegten Bar übernachten.

Da war er wieder, der Rhein. Sehr schöne Ecke!

Durchgehalten

Tübingen – Herrenberg – Gärtringen – Weil der Stadt – Pforzheim – Walzbachtal – Germersheim 132 km

Die Prognosen verhießen Niederschlag. Noch im Bett morgens hörte ich es schon leise tröpfeln. Der Blick nach draußen: nasses Pflaster, Rinnsale aus den Dachrinnen. Hatten die Prognosen also recht gehabt.

Feuchte Aussicht auf die Hotelterasse und Tübingens Altstadtdächer

Frohen Mutes jedoch staffierte ich mich und das Gepäck wasserdicht aus. Duschhauben in Hotels sind so was praktisches. Damit überzogen konnte ich sogar das Handy im Cockpit hören und bedienen. Die zweite Duschhaube des Zimmers wurde über den Helm gezogen. So raschelte ich zwar ganz gut im Wind, blieb aber recht trocken.

Dermaßen ausstaffiert verließ ich Tübingen. Schon in Tübingen war Herrenberg ausgeschildert, also kein Problem, diese schöne Stadt zu verlassen. Die mit hervorragender Fahrradinfrastruktur ausgestattet ist – sogar ein Fahrradtunnel lag auf meiner Route. Dort regnete es nicht mal.

Fahrradtunnel. Cool. Davor ein Zähler – ich war die Nr. 371 am heutigen Tag

Herrenberg hat ja den „Berg“ im Namen. Auch das wiederum nicht ohne Grund. Wieder keinerlei alpine Anmutungen ging es doch stetig bergauf. Immer recht flach und kaum sichtbar, sodass man sich eher fragte, warum die angezeigte Geschwindigkeit so gering war. Nur vor Aldingen war mal kurzes steiles Auf und Ab, bevor der Weg wieder gemächlich an Höhe gewann.

Zum Glück regnete es diese erste Zeit nur wenig. So richtig nass wurde man nicht. Ungemütlich war es trotzdem, und Herrenberg so hübsch, dass Ross und Reiter hier die erste Pause genossen. Bei einem großartigen Bäcker, der noch wahres Handwerk verkauft. Bin ich ja beim Richtigen gelandet – die Brötchen heute früh waren wieder gewohnte schreckliche Massenware.

Da war ich doch tatsächlich bei einem richtig guten Bäcker gelandet.

Es regnete aber weiter. Die Vorhersagen, wann es aufhören solle, verschoben sich Stunde um Stunde. Nun gut, das klamme Regenzeug wieder an und weiter. Bei Gärtringen war die „Passhöhe“ des Tages erreicht. Nun ging es bergab fließend Richtung Würmtal. Dafür schüttete es jetzt mal so richtig und der Radweg war eine matschige Holperpiste. Dankeschön. Der arme Wolf war völlig Schlammbäder nach dieser Passsage.

Das Würmtal erreichte ich dann in Weil der Stadt. Auch das wieder ein schönes Städtchen. Es regnete allerdings immer noch, die Begeisterung hier sich in stark umrissenen Grenzen.


Weil der Stadt. Ausblick vom Edeka. Immer noch nass.

Der dortige Edeka wurde erneut zum Lüften der Regenkleidung und zur Nahrungsaufnahme genutzt. Die klammen Finger konnte ich mir an einer Tasse grünen Tees wärmen. Wie war das noch mal mit Sommer?

Es hatte jetzt immerhin fast aufgehört. Nur noch feinste Spritzerchen fielen vom Himmel, aber immer noch mit einer Konsequenz, dass das Regenzeug doch noch mal zum Einsatz kam. Jetzt noch klammer. Dafür beschloss ich jetzt, auf der Landstraße gen Pforzheim zu fahren. Und diese Entscheidung stellte sich als goldrichtig heraus. Es gibt tatsächlich in Deutschland noch Landstraßen, auf denen so wenig los ist, dass man sie radelnderweise genießen kann. Im Dauerflow rollte ich durch das schöne Tal über 20 km nach Pforzheim. Da muss man nochmal herkommen.

Pforzheim empfing mich mit dichtem Verkehr, schlechten Radwegen und dem unverwechselbaren ergrauten 50er-Jahre-Charme der im Krieg völlig zerstörten Stadt. Dafür hatte es tatsächlich aufgehört zu regnen. Irgendwo in der Innenstadt gab es eine dieser modernen Einkaufspassagen, die überall gleich aussehen – dort standen Stühle eines Cafés draußen – bestellte ich mir ein alkoholfreies Pausenbier. Die Etappenplanung musste jetzt mal vollendet werden. Stirnrunzelnd stellte ich fest, dass es biss Germersheim noch ca. 50 km sein mussten. Egal, ich buchte dort im Hotel „Kleine Festung“, irgendwie würde ich schon dorthin kommen.

Also nicht lange fackeln, Bier hineingestürzt und los ging es wieder. In Pforzheim erstmal auf steilen Rampen aus dem Tal hinaus. So steil, dass man manchmal das Gefühl hatte, hintenüber zu kippen. Muss das sein? Dann aber viel leicht bergab Richtung Rhein. Nur noch vor Walzbachtal (das „Tal“ im Namen war hier eher Etikettenschwindel) stellte sich mir ein Kraichgauhügel in den Weg und in Weingarten ein kurzer, aber auch wieder megasteiler Landschaftspickel. Radwegplaner, was macht ihr hier?

Der Rhein bei Germersheim. Finally!

Dann aber war es erreicht, das Rheintal. Hier nur noch easy cycling, es ging voran. Und tatsächlich erreichte ich gegen 18:30 die Rheinbrücke, von der das Hotel nur noch einen kurzen Abzweig entfernt war. Kein Abendspaziergang heute, aber in Germersheim schien sowieso nicht so der Bär zu tanzen. Ein sehr angenehmes Hotel fand ich allerdings auch hier wieder vor. Ein letztlich gelungener Tag.