Am Avon

27.05.2017

Nein, Avon ist nicht nur der Name einer Kosmetikfirma mit zweifelhaften Vertriebsmethoden, es handelt sich auch um einen real existierenden Fluss. Nach einer schönen Übernachtung im traditionsreichen Hotel Swan direkt an besagtem Fluss gelegen hatte das Wetter durchaus englische Charakterzüge angenommen: der Himmel bedeckt, die Temperaturen nicht mehr an Südfrankreich erinnernd. Als wir losfahren wollten, fing es sogar an zu regnen. Wir bepackten unsere Räder im Schutz der Sonnenschirme. Als wir fertig waren, war es der Schauer auch – kein Regenzeug notwendig.

Zunächst verlief die Route wieder am Kanal, also eine schöne Fortsetzung der gestrigen Etappe. Recht viele Menschen genossen das für die Einhemischen verlängerte Wochenende auf den bekannten bunten Booten oder zu Fuß oder per Rad neben dem Kanal. Aber alles friedlich und entspannt – kein Touristenrummel.

Wir überholten einen älteren, sportlich gekleideten Herrn auf einem Mountainbike, der von vier wuselnden Hunden verschiedenster Größe begleitet wurde. Als wir mal kurz rasteten, überholte die Mannschaft uns wieder. Wenig später fuhren wir wieder an ihnen vorbei und beim nächsten Fotostopp kamen sie schon bald wieder angehoppelt. Dann ergriff ich die Gelegenheit und fotografierte das illustre Team. Als der Bandenchef auf seinem Rad auf unserer Höhe war, fragte ich ihn, ob er ein Foto von sich und seine Freunden haben wollte, und wir kamen kurz ins Gespräch. Bikemike erzählte uns, dass er sehr glücklich sei, noch Fahrrad fahren zu können, weil er einen sehr schweren Unfall mit doppeltem Genickbruch überstanden hatte. Wir wünschten ihm weiterhin viel Glück und ab jetzt unfallfreies Radeln. Kurz darauf erreichten wir Bath.


Unglaubliche Besuchermassen versetzten uns unsanft in die touristische Realität. Wir hätten ja gerne die römischen Badruinen besichtigt, aber in die gefühlt kilometerlange Schlange wollten wir uns nicht wirklich einreihen. Dazu war der Himmel immer noch grau und unfreundlich. Nach einem Kaffee und einem kurzen Besuch in einem Buchladen, wo ich wieder keine Sustrans-Radkarten für Cornwall bekommen hatte, ergriffen wir schnell die Flucht.

Die letzte Teiletappe der Route nach Bristol verlief auf einer alten Bahnlinie. Diese sind ja immer verkehrsarm, meistens schön aber von der Oberfläche manchmal rauh und anstrengend. Nicht so der hier: super Asphalt vom Anfang bis Ende. Am Einstieg dieses Bahntrassenradweg trafen wir zwei Vertreter von Sustrans, der britischen Radlobby. Ich lobte sie für deren gute Arbeit auf NCN4 – unserer Route, der wir von London nach Bristol folgten. 

Der Radweg war toll, die Kaffeepause an einem alten, umgebauten Bahnhofsgebäude sehr nett und das Wetter entschloss sich auch wieder für die Variante Sommer. So erreichten wir gut beschildert und problemlos am frühen Nachmittag Bristol. 


Was auch wieder sehr quirlig weil wochenendbedingt sehr gut besucht war. Wir beschlossen, zunächst mal unser B&B aufzusuchen, um dann wieder ins urbane Leben einzutauchen. 

Dieses lag 6km vom Zentrum entfernt allerdings auf einem Hügel – gute 150 Höhenmeter. Wir fanden es ziemlich schnell und bezogen unser schönes Zimmer. Jetzt schnell duschen und dann ab ins Zentrum. Aber – die moderne Dusche, bei der man nur auf einen Knopf drücke musste, funktionierte nicht! Zum Glück waren hier echte Menschen als Ansprechpartner vorhanden, die allerdings auch keine wirkliche Lösung wussten und telefonisch weitere Menschen bestellten, die immer mal wieder verschiedene Knöpfe drückten oder auch nur telefonierten. Nach etwa einstündigem Hin und Her ging ich mal ins Bad. Und die Dusche funktionierte einfach. Plötzlich. Und wir konnten uns bald unter das Bristoler Volk in dieser durchaus schönen und abwechslungsreichen Stadt mischen.

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Kanalidyll

26.5.2017

Das Herausfinden aus Reading erwies sich als etwas kompliziert. Man ist zwar schon ein ganzes Stück aus London raus, man merkt allerdings, dass hier immer noch sehr viele Menschen leben und für diese entsprechend viel verwirrende große Straßenbauwerke gebaut wurden. Nun gut, irgendwann waren wir wieder zurück auf unserer Radroute Nr. 4, die hier in Reading auf beiden Seiten des Kennet and Avon Kanals entlang läuft. Wir hatten wohl den schlechteren erwischt- als Reading hinter uns lag, hatten wir ein Drängelgitter (haben die Briten leider immer noch oft) der übelsten Sorte: wir mussten die Räder entladen und Gepäck und Räder drüber heben. Auf der anderen Seite waren mehr Radler unterwegs. Die wussten wohl, warum.

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Aber dann lief unsere Route sehr lauschig und völlig verkehrsfrei auf dem alten Treidelpfad am Kanal entlang. Wir tauchten in eine üppig grüne Welt ein, ab und zu konnte man Wasservögel beobachten. Immer wieder kamen wir an den oft fantasievoll bunt bemalten typischen schmalen Kanalboote und an den kleinen gemütlichen von Hand zu bedienenden Schleusen vorbei. Sehr schön. Dazu war das Wetter umwerfend, die Sonne strahlte von einem megablauen Himmel. Es wurde sogar so warm, dass wir uns eher in Südfrankreich als in England wähnten.

An einer alten Werft, die heute ein Museum über den Kanal ist – die Aldermaston Wharf – gab es den ersten Boxenstopp. Das Visitor Centre, ebenfalls in einem putzigen weiß gestrichenen uralten Häuschen untergebracht, hatte Sitzgelegenheiten in einem wunderbaren Garten und Kaffee und Eis gab es obendrein. Der perfekte Radlerstopp in idyllischem Ambiente. Und die erste Ansiedlung, denen man die Nähe zu London nicht mehr anmerkte.

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In Newbury legten wir die Mittagspause ein. Hier war eine ganze Reihe netter Kneipen und Restaurants mit Terrasse zum Kanal hin, wo man wieder sehr schön verweilen konnte. Das ganze Städtchen war sehr lovely, was wir auf einem kleinen Rundgang feststellten.

Am Nachmittag führte die Route weg vom Kanal und auf sehr ruhigen schmalen heckengesäumten Straßen entlang. Immer noch ziemlich ruhig und doch eine Abwechslung. So kam man mal direkt durch Dörfer hindurch. Zum Beispiel durch Bedwyn: so wie man sich Südengland vorstellt mit alten Steinhüsern, zum Teil restgedeckt und wunderhübschen Gärten. Ein multifunktionaler Laden war obendrein noch vorhanden: Bäckerei, Post, Lebensmittelprovider, Gartencenter in einem. Eine unglaublich freundliche Lady mit fröhlich schwingenden Föhnlocken erklärte uns in aller Ausführlichkeit, wo wir zum nächsten Bahnhof kämen, um das letzte Stück per Bahn zu unserem Zielort Bradford-on-Avon zu fahren. Wir hatten das eingeplant, weil wir am Folgetag für Bath und Bristol ein wenig mehr Zeit haben wollten.

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So endete die Radetappe in Pewsey und problemlos erreichten wir Bradford-on-Avon, wo uns das gebuchte Hotel direkt am Fluss im Altstadtkern erwartete. Noch schöner als das vom Vortag!

Unterkunft: The Swan, Bradford-on-Avon

 

 

Das Tal der Themse

25.5.2017

Üblicherweise beginnt eine Beschreibung der Erlebnisse ja mit den ersten des Tages. Die jedoch in diesem speziellen Fall mitten in der Nacht stattfanden und mit dem extrem geringen Charme unserer Londoner Unterkunft in engem Zusammenhang steht. Und letztendlich überhaupt nicht lustig waren, gut, dass alles am Ende problemlos ausging.

Mitten in der Nacht werde ich wach, nachdem ich trotz des maximalen Straßenlärms irgendwie zu Schlaf gekommen war. Ein duchdringendes Signal war zu hören. Hä? Ein Handy? Nee, muss irgend ein Alarm sein. Bestimmt eine alberne Übung. Aber so mitten in der Nacht? Momente später wird auch Swen wach. Auch er denkt zuerst an mein nervendes Handy, dessen Geräuschkulisse ich wohl nicht im Graf hätte. Aber dann riechen wir es beide: Rauch! Feueralarm! Hellwach werfen wir uns in ein paar Klamotten und grabschen ein wenig Zeug zusammen. Beim Öffnen unserer Tür wird es sichtbar: aus dem Zimmer gegenüber qualmt es heftig. Raus! Wir können noch eben unsere Räder aus dem Hausflur holen, bevor mit durchdringendem Alarmsignal die Feuerwehr um die Ecke kommt und ein paar Mann ins Gebäude rennen. Zum Glück bleibt der Brandherd in diesem Zimmer und nichts entzündete sich sonst noch. Eine Nachtischlampe billigsten China-Standards hatte ihren eigenen Schirm überhitzt, der sich dann entzündet hatte – offensichtlich waren unsere Nachbarn bei brennender Lampe eingeschlafen.

Zum Glück war also nichts schlimmeres passiert, außer dass die Bude erbärmlich stank und überall die schwarze Rußschwaden von der Feuerwehr verteilt worden waren. Da natürlich auch zu diesem Zeitpunkt keinerlei verantwortliches Personal greifbar oder gar anwesend war, blieb uns nichts anderes übrig, als in die so noch um einiges umkomfortablere Unterkunft zurück zu gehen und den Rest der Nacht irgendwie schlafend rumzubringen. Bei weit geöffnetem Fenster und somit gefühlt noch mehr Kreuzungslärm gelang es uns doch noch, ein paar Stunden zu schlafen, bis wir dann am frühen Morgen unseren Kram zusammenpackten und so schnell wie möglich das Weite suchten.

Das Weite war in diesem Fall eigentlich gar nicht so weit. Der Plan war, auf der Nationalen Radroute Nr. 4 bis nach Reading zu radeln, weitestgehend immer an der Themse entlang. Luftlinie waren es bis Reading 60 km, also gar kein Problem, oder? Kilometerangaben zur Radroute hatte ich allerdings keine, da ich nirgendwo eine Sustrans-Radkarte kaufen konnte am Vortag.

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Sehr schön und weitestgehend verkehrsfrei ging es dann wirklich fast immer an der Themse entlang. Zwei große Parks wurden durchquert, im ersten wurden wir von einer Herde recht entspannt wirkenden Rotwilds (Hirsche, Rehe?) ausgebremst, die gerade über die Straße latschte. Die anwesenden Touristen in ihrem Autos waren alle wild am Fotografieren.

Alles in allem eine wunderschöne Radroute. Bloß – Reading kam und kam nicht näher. Die Route ließ nämlich keine der Schlaufe der doch ziemlich weit hin und her mäandernden Themse aus. Gegen Abend hatten wir schon an die 90 km und es hätten immer noch 30 Meilen gefehlt.

Zum Glück hatte ich einen Plan B: an vielen Orten befindet sich ein Bahnhof und so überbrückten wir das letzte Stück von Maidenhead bis Reading einfach mit dem Zug. Naja, als ganz einfach stellte sich das Unterfangen dann doch nicht heraus. Es waren wohl vor unserem aktuell verkehrenden Zug einige Züge ausgefallen und der ganze Bahnhof inklusive aller betroffenen Gleise und Unterführungen war gestopft voll mit Menschen. Ein Wunder, dass wir mit unseren sperrigen Rädern in dem unvorstellbaren Strom entgegenkommender Menschen überhaupt in unseren Zug hinein kamen. Irgendwie funktionierte es und wenig später erreichten wir Reading.

Dort hatten wir ein Hotel gebucht, das natürlich auf einem deutlichen Hügel lag. England eben. Aber es lohnte sich, nach den Erfahrungen der letzten Nächte eine sehr angenehme Unterkunft.

Unterkunft: Hillingdon Prince Hotel, Reading

 

London per Rad

24.5.2017

Der erste Tag der Reise war als Städtebesichtigung und -cruising geplant. Nachdem wir in einem hübschen Kaffee mit rosenbewachsener Terrasse gefrühstückt hatten, brachen wir per Rad auf. Swens erste Skepsis gegenüber der Bewegung innerhalb Londons mit dem Rad hatte sich mit der Fahrt vom Flughafen am Vortag gelegt, als wir das Stadtzentrum gut und fast ausschließlich auf vernünftigen Radwegen erreicht hatten. Besonders bemerkenswert sind die neuen Cycle Super Highways – hier wurde zum Teil die halbe Straße, z. B. an der Themse entlang abgetrennt und fast kreuzungsfrei für die Radler eine neue Trasse gebaut. Sogar mit Ein- und Ausfädelspuren, wie auf einer Autobahn eben. Das Tempo ist aber auch dementsprechend, ein großer Teil der wahren Radlermassen ist mit dem Rennrad unterwegs und der Rest heizt auch gewaltig die flachen Strecken entlang.

Wir bewegten uns langsam Richtung Osten und erreichten bald die „Mall“ vor dem Buckingham Palace. Siehe da, alles abgesperrt – die achtspurige Straße völlig befreit von automobilem Verkehr, nur Fußgänger und schmale Fahrradfahrer gelangten durch die massiven Absperrtore, die Fußgänger blieben jedoch hinter den Gattern auf dem Pavement. Ich folgte einem Radler, der auf der abgesperrten Straße zügig davon fuhr. Wir hatten es auf unserer Besichtigungstour nicht sehr eilig und bummelten die autoleere Prachtparade entlang. Eigenartigerweise schien sich keiner der zahlreich vorhandenen Polizisten für unsere Anwesenheit zu interessieren. Sodass wir sogar noch ein Actionfoto machen konnten – Queen Dagmar rollt auf der Mall von Buckingham Palace herunter.

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Dann hupte uns aber ein rasendes Polizeiauto vom Boulevard. Wir retteten uns auf die Seite, und – Sekunden später rauschte ein Rolls Royce vorbei, darin sitzend die Queen im grünen Kostüm nebst ihrem Gatten. Sozusagen in Spuckentfernung an uns vorbei.

Wir drehten noch diverse Runden an allen möglichen zu besichtigenden Monumenten und an kilometerweite im Stau stehenden Bussen, Taxis und sonstigen Fahrzeugen vorbei, bis wir schließlich ein wenig urban ermattet im Hyde Park landeten und uns dort Liegestühle mieteten. Ein sehr empfehlenswerter Ruhepunkt dieser völlig ruhelosen Großstadt.

Als letzten Besichtigungsprogrammpunkt machten wir noch einen Abstecher nach Little Venice. Ein Kleinod englischer Kanalidylle, und das in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Paddington.

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Und am Ende des Tages waren auf diese Art und Weise über 40 km auf dem Kilometerzähler zusammen gekommen. Auf jeden Fall eine sehr empfehlenswerte Art und Weise, um London kennen zu lernen. Man sieht enorm viel und läuft sich nicht die Füße rund!

 

England calling

23.05.2017

Es war doch wieder Mai geworden. Und somit die Zeit für die erste große Reise des Jahres gekommen. England sollte wieder einmal das Ziel sein; das Mittel, um dort herumzukommen, wieder einmal das Fahrrad. Also wieder nichts mit Lamborghini am Lido.

Und auch für diese Reise musste erneut sorgfältig geprüft werden, wie das Fahrrad an den Zielort zu transportieren wäre. Da British Airways immerhin keine Extragebühren für die Fahrradmitnahme erhebt und der Transfer an den Flughafen Zürich von uns aus mit Fähre und Zug ziemlich problemlos ist, hatte ich mich für diese Variante entschieden.

Das Ziel einer Anreise ist ja einerseits immer das zu erreichende Reiseziel selbst. Selbstverständlich. Das zweite aber möglichst zu erreichende Ziel ist die tiefe Entspannung, weil alle Teile der Reise in der geplanten und gedachten Art und Weise stressfrei funktionieren.

Die Fährefahrt in die Schweiz erfüllte dieses Kriterium problemlos. Der Puls verließ allerdings das stressfreie Level etwas, als ich feststellte, dass unsere sündhaft teuren Velo-Tageskarten für die Schweizer Bahn zwar sehr praktisch auf meinem Handy gekauft und bereit waren, allerdings hatte ich das schon am Vortag getan und für die Fahrradkarten hatte ich übersehen, das Gültigkeitsdatum entsprechend anzupassen. 40 Schweizer Franken waren also im ungünstigsten Fall für ein bereits abgelaufenes Ticket bezahlt worden. Wir hatten es allerdings ausschließlich mit gnädigen Kontrolleuren zu tun, die meinen Reinfall in die Tücken der Technik akzeptierten.

Am Flughafen Zürich hatten wir sehr viel Zeit eingeplant. Bei Ankunft konnten wir noch nicht einmal unser Flug auf der Abflugtafel sehen, sodass wir uns zunächst noch etwas stärkten. Bis ich auf die Idee kam, mich umzuschauen. Der Flughafen Zürich ist zwar nicht sehr groß, mehrere Terminals hat er aber schon. Und siehe da, wir mussten auf ein anderes Terminal. Hier war der Flug auch schon ausgeschrieben. Also zum Checkin.

Bis die Räder dann eingepackt waren, verging dann doch einige Zeit. Darüberhinaus erweckte unsere Art der Verpackung das Misstrauen des Flughafenpersonals. Wir hatten große kräftige Plastikbeutel besorgt, wie sie von der British Airways empfohlen und akzeptiert waren. Nicht jedoch vom Züricher Flughafenpersonal. Man kann hier einen Velokarton erwerben und das erwartet man hier auch. Blöderweise kann man das nicht in London und einen solchen Karton während der Fahrradtour mitzuschleppen ist doch sehr unrealistisch. Aber – wieder etwas gelernt: nicht nur die Airline bestimmt, wie etwas im Flieger mitgenommen wird, sondern in erster Linie der Flughafen. Nachdem noch der Supervisor gerufen wurde, und wir unsere im Beutel verpackten Räder auf eigene Verantwortung so aufgeben durfte, war nicht mehr so viel Zeit übrig.

Also dann hopphopp zum Securitygate. Viel los. Und was passierte? Natürlich, wenn man knapp dran ist, ist unter Garantie ein Problemfall vor einem. Ein Inder mit einem Koffer voller flüssiger Inhalte. Und aufgerissene Duty-Free-Verpackungen. Sein komplettes Handgepäck wurde auseinander genommen und er schließlich wieder zum Checkin geschickt. Und – oh nein – ich selbst hatte vergessen, das Kettenspray aus der Fahrradtasche zu nehmen. Also musste diese ebenfalls entleert werden. Ich durfte wenigstens alles mitnehmen, aber wir sind dann doch zum Gate gerannt. Der Puls erreichte dort allerdings wieder fast normales Niveau, hatte unser Flieger doch eine Viertelstunde Verspätung. Und wir wären eben so pünktlich gewesen.

Der Flug nach London war kurz und ereignislos. Nicht einmal zum Trinken und Essen gibt es etwas ohne dafür zu bezahlen. In Heathrow angekommen waren recht bald unsere völlig unversehrten Fahrräder da und wir konnten ins Freie entkommen. Wir nahmen nämlich unsere Räder, um nach London zu kommen, hatten wir doch einen ganzen Nachmittag dafür.

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Wir fanden sogar einen Ausgang mit angeschlossenem Fahrradweg. Meine zuvor installierte britische Fahrrad-Navi-App wies uns auch eindeutig in eine Richtung. Bald waren wir an einer vierspurigen Straße unterwegs, deren Schilder die richtige Richtung bestätigten. Alles auf einem zwar mitunter holprigen, aber durchgängigem Radweg.

Irgendwann kreuzte diese Straße den Grand Union Canal. Wir entflohen dem großstädtischen Verkehrslärm und fanden uns in einer idyllischen anderen Welt wieder. Irgendwann kamen wir an die Themse, dort war auch gemütliches Weiterradeln. Schlussendlich passierten wir Hyde Park und Buckingham Palace und fanden uns auf dem brandneuen Cycle Superhighway wieder. Tolle Sache, so kommt man am allerschnellsten voran in London, was wahre Radlermassen bestätigten.

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Unsere im Voraus gebuchte Unterkunft erwies sich aber noch als etwas hakelig zu finden. Das Haus an sich hatten wir uns ja schon auf Google Maps angeschaut. Ein türkisches Restaurant war dort im Erdgeschoss. Dort fragte ich auch gleich nach den gebuchten Zimmern und ob wir unsere Fahrräder irgendwo im Innern des Hauses unterstellen konnten. Sehr freundlich bot man uns an, die Fahrräder im Restaurantbereich abzustellen als sich herausstellte, dass die Restaurantmenschen gar nichts mir der Unterkunft im selben Haus zu tun hatten, sondern uns sofort die Speisekarte unter die Nase hielten und uns ihr Essen verkaufen wollten. Immerhin könnt ich ihnen noch den Hinweis entlocken, dass man wegen der Unterkunft am besten an der Hotelrezeption ein paar Häuser weiter fragen solle.

Wie sich herausstellte, hatte auch dieses Hotel nichts mit der Unterkunft zu tun, das sehr nette Mädchen war aber unglaublich hilfsbereit, weil wohl ständig Gäste dieser ominösen Unterkunft vorbei kamen, die nicht wussten, wie sie zu ihrem Zimmer kommen. Sie wies uns an, unsere Email zu checken. Dort war ein vierstelliger Code für die Öffnung einer Tür (eine weitere Tür ein paar Häuser wieder zurück) enthalten. Sie begleitete uns dorthin und wir fanden einen Briefumschlag mit unserem Namen und ein paar Schlüssel, die nun wiederum für die Seitentür von Gebäude 1 (türkisches Restaurant) und unser Zimmer waren. Dort war nirgends etwas von Personal zu spüren oder zu hören, wir bezogen einfach unser im Voraus gebuchtes Zimmer. Ein Hostel der Minus-Drei-Sterne-Klasse, nun ja, und akustisch gefühlt mitten auf der viel befahrenen Kreuzung. Aber immerhin: angekommen, wenn auch nicht ganz tiefenentspannt.

Unterkunft: Destination 43, 43 commercial street, Tower Hamlets, London

Resümee 

Heute war nichts mehr an Strecke übrig. Der ursprüngliche Plan wäre ein fauler Tag am sonnenverwöhnten Strand gewesen. Leider stellte sich der Strand auch heute nicht als sonnenverwöhnt heraus, wenn auch die Niederschlagsprognosen gegenüber dem Vortag um einiges entschärft schienen.

Was also tun, wenn man einen Tag im ziemlich uninteressanten Hendaye übrig hat? Den Zug nehmen und ihn im ziemlich interessanten San Sebastian verbringen. Was sich als sehr lohnenswert herausstellte.

San Sebastian ist neben der Tatsache, momentan europäische Kulturhauptstadt zu sein, mit Sicherheit die Hauptstadt der schmiedeeisernen Balkone. Eine sehr schöne Stadt, überschaubarer Verkehr, viele Radfahrer und Fußgänger und eine exzellente Gastronomie zu sehr fairen Preisen. Wir könnten also noch mal spanische Gastfreundschaft genießen.

In San Sebastian – schmiedeeiserne Balkone, einer kunstvoller als der nächste


Rückblickend auf die Tour ist das einer der Aspekte, die Spanien zu einem sehr angenehmen Radtourenland machen. Man findet fast überall zumindest eine Bar für eine Kaffeepause, und meistens bekommt man obendrein ein stärkendes Bocadillo manchmal gigantischen Ausmaßes zu sehr fairen Preisen. Auch abends essen gehen war immer gut und bezahlbar. Genau so waren die Übernachtungsmöglichkeiten: Zumeist in sehr gutem Zustand mit netten Leuten und ebenfalls zu fairen Preisen.

Was den Radfahrer aber besonders freut, ist der vorsichtige und verantwortungsvolle Umgang mit ihm. Auf allen etwas stärker befahrenen Straßen fühlten wir uns immer sicher, da fast alle Auto- und LKW-Fahrer sehr rücksichtsvoll überholten. Und dann gab es haufenweise Sträßchen, auf denen so gut wie gar nichts los war, Radlerparadies immer wieder.

Die Landschaft war immer wunderschön und sehenswert. Die Orte hatten meistens pittoreske Zentren mit vielen sehr gut renovierten Häusern.

Alles in allem ein rundum gelungener Radurlaub, den ich mit Graham sehr genossen habe. Nach Spanien werden wir sicher wieder kommen!

Fürchterlich feuchtes Finale

Elizondo – Hendaye 61 km

Ein allerletzter Pass, der diesen Namen auch nur annäherungsweise verdiente, war auf dem Weg zum Atlantik zu überwinden. Der Puerto de Otxondo wird trotz seiner nicht wirklich aufregenden Höhe von ca . 600 m sogar auf quaeldich.de erwähnt. Für unsere geübten Beinmuskeln aber kaum der Rede wert. Ohne Probleme kurbelten wir an diesem Vormittag hinauf. Auffällig viele Pferde gab es in diesem Tal, und auffällig viele von diesen lagen faul auf ihrer Weide herum.

Es folgte ein sehr erbaulicher Downhill. Nie besonders steil und meistens auf guter Straße. Am Ende lag die Grenze zu Frankreich. Was man kurz davor heftigst bemerkte, da plötzlich riesige Shopping-Center rechts und links der Straße auftauchten. Offensichtlich haben die Spanier eine weitaus geringere Mehrwertsteuer als die Franzosen, weswegen diese lieber literweise Bezin in ihren Autos verbrauchen, um hier her zu fahren.

Die meisten dieser Einkaufszentren waren eher von der modernen Outlet-Center-Sorte, aber auch offensichtlich seit langem eingeführte Läden waren darunter, in denen man vom Garten-Wildschwein bis zum 100-l-Kochtopf alles haben könnte, was man sich vorstellen kann. Im selben Etablissement war auch eine Bar. Wir hatten dort den ersten Kaffee des Tages und ein letztes spanisches Schinkenbocadillo.

Hier bekommt man mit Sicherheit alles, was man irgendwie brauchen kann.


Nun waren wir also wieder in Frankreich. Was man sofort merkte: die Straße war schmal, der Verkehr stärker, die Autos überholten oft viel zu knapp. In Sare kehrten wir noch einmal ein, es hatte gerade zu regnen begonne, und man hofft ja immer, dass der Schauer bald vorbei ist. Sare ist ein sehr hübsches Dorf und wir fanden ein sehr hübsches Café, in dem Bio gekocht wurde. Es gab Süßkartoffelsuppe, sehr schmackhaft. Und fünf verschiedene Sorten Kaffee, die in drei Milchvariationen und zwei Größen zu bekommen waren, was eine unglaubliche Anzahl von 30 verschiedenen Kaffeevarianten ergibt. Nur, dass der Kaffee an sich etwas schwächlich auf der Brust war, ist sicher dem „Bio“ in diesem Café geschuldet.

Ein weiter wirklich winziger Pass war noch zu überqueren, gerade mal etwas mehr als 100 Höhenmeter waren zu überwinden. Beeindrucken aber die Schilder für die Radfahrer, die für jeden Kilometer die jeweilige Steigung angaben. Das unangenehmste er jedoch der deutliche Regen, der genau auf der Passhöhe einsetzte und der uns bis zum Schluss begleiten sollte.

Im strömenden Regen erreichten wir St-Jean-de-Luz. Von hier aus waren weitere 10 km an der Küste zurückzulegen, der sogenannten Corniche. Eigentlich ein sehr schöner Abschnitt mit eindrucksvollen Klippen. Aber es schiffte wie blöd, ein kräftiger Wind kam von vorne, es ging immer wieder unangenehm die Klippe rauf und es war richtig ätzend viel Verkehr, in dem wir viel zu oft sehr knapp überholt wurden. Nicht wirklich das Highlight meiner Radtourengeschichte.

Nachdem wir noch gefühlt stundenlang in Hendaye lästig bergauf und bergab gegurkt waren, fanden wir endlich den Bahnhof und das Hotel de la Gare, was ich wegen der praktischen Nähe zum Bahnhof ausgesucht hatte. Jetzt hoffen wir bloß, dass unsere Heimfahrt nicht zu sehr durch den just am Mittwoch beginnenden Streik in Mitleidenschaft gezogen wird. 

Atlantik. Angekommen.