Wie es so war

Route

Unsere Route folgte grob dem Grenzverlauf der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Wir wählten bewusst eine eigene Route, die schon mal ca, 500 km weniger Strecke gegenüber des offiziell ausgeschilderten Iron Curtain Trail bzw. Grünes Band, dessen Route viel exakter der Grenze folgt, aufwies. Neben der Abkürzung war unsere Route auch um einiges höhenmeteroptimiert. Die ehemalige Grenzziehung war nicht wirklich an den Bedürfnissen zukünftiger Fahrradtouristen ohne E-Unterstützung ausgerichtet. Wir wollten auf dr anderen Seite auf jeden Fall an die Ostsee, was ja gelang.

Original-Grenzradweg, einer der üblen Original-Kolonnenweg-Abschnitte. Steil und sehr holprig.

Die Richtung bedeute dann allerdings auch trotz Optimierung zu Beginn viel Steigung und auch immer wieder recht steile Rämpchen. Wenn man auf Tour selbst etwas Eingewöhnung möchte, empfiehlt sich wohl doch eher die umgekehrte Richtung. Man fährt dann zwar insgesamt „bergauf „, was aber bei den einigen Hügeln, die zu überwinden sind, kaum ins Gewicht fällt.

Wir waren aber überwiegend auf ausgeschilderten Radrouten und ausgewiesenen Radwegen. Selten mal eine Land- oder Kreisstraße, Bundesstraße nur im Ausnahmefall und nur ein einziges kurzes Mal ohne, da hatten wir uns aber spontan dafür entschieden, weil die nichtasphaltierten Wege in dieser Gegend furchtbar schlecht waren. Es gibt aber inzwischen fast überall in Deutschland sehr gute ausgeschilderte Fahrradrouten. Ohne vorherige Routenplanung würde ich e8ne so lange Tour dennoch nicht angehen.

Landschaft

Deutschland ist ein wunderschönes Land. Vielfältige Mittelgebirgsgegenden mit bewaldeten Hügeln und grünen Auen, abwechslungsreiches Agrarland mit pittoresk verschlafenen Dörfchen. Artenvielfalt allerdings oft bloß noch auf den Randstreifen, im Osten aber viele ursprünglich wirkende Waldgebiete, bei denen man feststellen kann, dass in unserem Land wohl eher Laubwald heimisch ist. Der Klatschmohn blüht überall im Land, oft sehr hübsch gepaart mit Kornblumenblau. Wer muss da noch in die Provence?

Wir fanden viele schöne Wege.

Die schönsten Routenabschnitte erlebten wir im Saaletal zu Beginn der Tour, besonders die Abfahrt von Bad Steben nach Kronach war wunderschön. Die Rhön hat uns sehr gut gefallen und ist sicherlich noch einen zweiten Besuch wert. Im Norden war die Fahrt durch die Altmark und insbesondere durch den Drömling traumhaft grün und ruhig. Der Elbe-Lübeck-Kanal ist ebenfalls sehr schön, wurde aber auf die Länge etwas eintönig. Es war aber nirgendwo öde, hässlich oder entfernt unerträglich, wir genossen jeden Tag der Tour.

Orte

Kronach war die erste Entdeckung der Tour. Komplett erhaltenes Mittelalter auf einem Hügel gelegen und eine mächtige Burg, die über dem Städtchen wacht. Coburg hat eine sehenswerte Innenstadt mit beeindruckenden altehrwürdigen Gebäuden. Und man kam mit dem Rad gut hinein und gut wieder hinaus, ohne vom Laster überfahren zu werden. In Fladungen in der Rhön waren wir zu kurz: das Freilichtmuseum ist sicher einen Besuch wert und der Ort selbst auch ansehnlich.

Allendorf. Ultimativ pittoresk.

Das nächste absolute Highlight war Allendorf. So viel Fachwerk. Wüstheuterode gewann die Wertung um den bemerkenswertesten Ortsnamen. Neben der Bergwertung, die zur Erreichung dieses Orts zu absolvieren war.

Ganz ähnlich Wernigerode: viel erhaltenes Fachwerk und für eine Kleinstadt im ehemaligen Osten auch wohltuend lebhaft.

Unterkünfte

Oberster Favorit war Lübeln mit seinem hervorragend erhaltenen Rundlingsdorf. Hier stimmte natürlich auch das Wetter, sodass wir diese Atmosphäre im Freien genießen konnte. Zweifelsfrei das beste Hotel war das in Wernigerode, man bekam wirklich etwas für die drei Euro mehr. Und sogar das Personal war sehr persönlich und freundlich, sonst ist die Abfertigung in solchen Kettenhotels eher Schema F. Total nett waren auch die Betreiber im Hotel Krüger in Grafhorst. Diese hatten auch einen erfrischend neuen und damit modernen Hotelbau zu ihrem Bestand hinzugefügt und wir bekamen das schönste Zimmer. Einfach so.

Biergarten des Hotels Ebner in Bad Königshofen. Und hatte exklusiv für die Hausgäste Speis und Trank im Angebot.

Unterschiede

Wenn man entlang der ehemaligen Grenze unterwegs ist, schaut man natürlich genau hin, ob nach 30 Jahren noch Unterschiede zwischen Ost und West erkennbar sind. Ja, es gibt sie noch oder die Dinge haben sich auch in dreißig Jahren nicht wie gewünscht entwickelt.

An den Wegen merkte man oft, dass man in Thüringen, Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern unterwegs war. Nichtsdestotrotz muss man staunend feststellen, wieviel der Pflasterstraßen inzwischen durch guten Asphalt ersetzt wurden. Das Geholpere hielt sich in Grenzen.

Den Orten sieht man ihre jeweilige Vergangenheit auch noch gut an. So hat jeder Ort im Osten, so klein er auch war, seinen Wohnblock. Viel grauer Mörtelputz ist aber auch nicht mehr zu sehen. Die meisten Gebäude leuchteten in frischen Farben.

Andererseits wurden die grenznahen Gebiete ja konsequent entvölkert, und das ist sehr gut auch heute noch spürbar. Gerade in der Nähe der großen Städte Braunschweig und Wolfsburg ist der Westen voll, verkehrsverseucht und hektisch, wohingegen sich über der Grenze viel Natur erhalten konnte und in den letzten 30 Jahren noch üppiger werden konnte.

Trauriges

Schlimm ist der Zustand vieler Dörfer, sowohl hüben als auch drüben. Wenn keine Bundesstraße durchgeht, sterben die Orte. Nicht mal mehr Gasthäuser können sich erhalten, in erschreckend vielen kleinen Orten war nur noch Schlafstadt mit Vorgärten. Und Carports, versteht sich.

Auch die kleineren Städtchen bluten offensichtlich mehr und mehr aus. Läden stehen leer, in den hübschen Fußgängerzonen kaum Menschen. Das passiert sowohl hüben als auch drüben, wobei das Phänomen im Osten gefühlt noch etwas deutlicher zutage tritt.

Erfreuliches

Deutschland ist ein großartiges Radreiseland. Sehenswerte Natur, schöne Orte und überall freundliche Menschen, die den Radler mit Bett, Speise und Radler versorgen.

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Uferpromenade

Travemünde 4.6. – 7.6.2019

Wir waren im Hotel Deutscher Kaiser untergekommen. Direkt an der Uferpromenade. Die ist in Travemünde hervorragend, und mit Uferpromenaden kennen wir Friedrichshafener uns aus. Kleine Geschäfte oft noch in lokaler Eigentümerschaft, angenehme Gastronomie für jeden Geschmack. Nichts überteuert, uns kamen die Preise sehr vertraut vor. Mehr Fisch war auf den Speisekarten zu finden als in unseren heimatlichen Gefilden, und zwar nicht nur Süßwasserfisch. Wen wundert’s.

Direkt vor dem Hoteleingang lag das Restaurant Traveblick im Wasser. Es handelte sich um eine ungewöhnliche Über-Eck-Kombination von zwei ausrangierten Schiffsrümpfen. Normalerweise schlägt bei solchen Angeboten bei mir der Touristenalarm an, aber ein Blick auf die Karte verhieß weder Nepp noch Mikrowellenstandard.

Und so war das nette Restaurant mit Aussicht auf die Trave mit ihren mächtigen ein- und auslaufenden Pötten eine wirklich gute Wahl. Pfiffige Fischgerichte frisch zubereitet zu fairen Preisen. Wir wählten es am zweiten Abend gleich nochmal.

Der nächste Tag begann mit einer Überraschung. Morgens um sieben lief wieder einmal einer der großen Pötte ein. Das Gewummere der Schiffsdiesel wurde aber ungewöhnlicherweise nicht wieder leiser wie bei allen ander n Schiffen, die sich ordnungsgemäß an ihre Landungskais verzogen. Nein, der blieb. Und wummerte weiter. Und blies unselig wirkende schwarze Schwaden in die Luft. Direkt in der Mitte der Promenade.

Kreuzfahrtpott direkt an der Uferpromenade. Nicht schön.

Das Frühstückspersonal im Hotel klärte uns auf. Ein Kreuzfahrtschiff hatte angelegt, verwöhnte gelangweilte Kreuzfahrttouristen auf das Städtchen ausgeschüttet und würde dort den ganzen Tag liegen. Und damit die verbliebenen an Bord weiterhin die Spaß- und Komfortmaschinerie nutzen konnten, mussten die Maschinen eben weiterlaufen. Ganz Travemünde hatte etwas davon. An etwa 16 Tagen im Jahr müssen die Anwesenden das aushalten.

Wir verzogen uns an den Strand nach Priwall. Das ist der letzte westliche Außenposten auf Schleswig-Holsteinischer Seite und somit im „Westen“. Der Unterschied ist von weitem zu erkennen. Auch hier wurde grenznahes Gebiet konsequent entvölkert, deswegen ist auch ganz plötzlich keinerlei Bebauung mehr zu sehen, sondern nur bewaldete Küste. Andererseits konnte sich eine wirklich reichhaltige Natur entwickeln.

Auf Travemünder Seite hingegen dominiert das Hotel Maritim. Wie eine Provokation muss diese 36-stöckige Hotelburg beim Bau in den 70ern auf die Ostzone gewirkt haben. Auch heute schmerzt dieses Dings beim Anblick in den Augen.

Am Strand war es wie es eben am Strand so ist. Wir mieteten einen Strandkorb, trotzdem war es sehr windig oder sehr sonnig. Das Wasser war nur für bis zu den Knien warm genug.

Strand in Travemünde.

Wir snackten in Jutta’s Eck. Seit 41 Jahren der letzte Imbiss vor der Landesgrenze, von mehreren Generationen betrieben, und seit 41 Jahren mit Apostroph. Ein warmherziges Gedicht zum 25. Jubiläum offensichtlich von den Stammgästen verfasst war liebevoll eingerahmt und hing neben der Pommesausgabe.

Der zweite Tag verhieß Gewitterlage. Wir nutzten den Vormittag, um die Küste in nördlicher Richtung zu erkunden. Hier befindet sich ein Stück Steilküste und ein schönes Stück Natur dahinter. Ein aussichtsreicher Fuß- und Radweg führt oft ganz knapp an der Kante entlang. Fast so gut wie der Königsstuhl oder Möns Klint, nur nicht ganz so hoch und nicht ganz so weiß.

Schöne Steilküste nördlich von Travemünde.

Wir setzen unsere Erkundungsfahrt bis zum mondänen Timmendorfer Strand fort. Lauter Edelbuden, man spricht auch vom Ostsee-Sylt. Ich muss auch das in der Nordsee nicht haben.

Die Rückfahrt wurde dann sehr nass. Es schüttete mal wieder, und zwar so richtig mit Rumpel und Blitz. Das meiste erlebten wir mit spontan verfügbaren Unterstandmöglichkeiten, einmal in der Parfümerie, die zweite Schüttung beim Fischbrötchenimbiss, dessen warme Friteusen für den Moment angenehme Wärme aus der Ausgabe heraus spendeten.

Auch dieser Regen ging vorbei und wir erreichten mit etwas Landpartie wieder Travemünde.

Ich empfand Travemünde als recht angenehmen Ort. Gerade so touristisch genug, dass eine wohltuende Infrastruktur entstehen konnte, nicht so überkanditelt wie manch anderer Küstenort und nicht übervoll. Eine schöne kleine Altstadt gruppiert sich um das Kirchlein, das mit dünnem blechernem Glockenklang die Stunde verkündet. Die Promenade ebenfalls angenehm. Kann man schon mal hinfahren, nach Travemünde.

Der letzte Kanal

Büchen – Mölln – Lübeck – Travemünde 83 km

Man konnte das Meer schon heute früh förmlich riechen. Wir waren heute fast ausnahmslos am Elbe-Lübeck-Kanal unterwegs, der ja in die Trave führt und die wiederum ergießt sich in die Ostsee.

Zu Beginn diese letzten Etappe führen wir zunächst einmal dorthin zurück, wo wir gestern geendet hatten – auf den Treidelpfad am Kanal. Dieser begleitete uns bis fast nach Lübeck hinein. Eine sehr ruhige, freundlich grüne Stimmung herrscht dort. Fast immer auf sandigem Schotter, aber mit unseren breiten Rollerreifen angenehm zu fahren.

Am Elbe-Lübeck-Kanal.

Die Abwechslungen am Kanal waren eher weniger spektakulärer Natur. Gänsefamilien, die sich auf dem Weg breit gemacht hatten und vorwurfsvoll schnatternd ins Gewässer verschwanden, als wir uns näherten. Hunde, die den armen Swen mehr als einmal fast zu Fall gebracht hätten, weil sie ihm freundlich schwanzwedelnd ins Vorderrad liefen.

Nach Mölln machten wir einen Abstecher. Wir trafen dort sogar Till Eulenspiegel oder eine moderne Reinkarnation des Besagten. Der spaßte gerade mit eine Gruppe rheinischer Radeldamen herum und empfahl uns später ein nettes Café, was wir ohne seinen Tipp nicht gefunden hätten. Der moderne Till Eulenspiegel steht offensichtlich auf Kaffeekultur.

Till und die Radeldamen.

Danach standen noch einmal ca. 30 Kanalkilometer an. Inzwischen war die Sonne herausgekommen, aber eine deutliche Frontbrise bremste uns etwas aus. Überraschenderweise wurde das Land plötzlich wieder etwas wellig, nichts mehr mit total flach hier.

Nichtsdestotrotz erreichten wir bald Lübeck. Ein Zieleinlauf-Foto vom Holstentor und den Wölfen musste natürlich gleich mal geschossen werden. Und wir hatten Durst. Der auf dem Rathausplatz in historischer Atmosphäre im Außenbereich des Ratskellers gestillt werden konnte.

Angekommen in Lübeck.

Aber wir wollten ja noch ans Meer. Wir folgten den 20 ausgeschilderten Kilometern nach Travemünde. Zunächst durchs Industriegebiet, dann etwas holprig durch den Wald und zum Schluss noch ein paar Kilometer lauschige Landpartie über die Hügelchen des Ostseeküsten-Hinterlands.

Und dann war auch schon Travemünde erreicht. Angekommen!

Über die Elbe

Lübeln – Hitzacker – Boizenburg – Büchen 90 km

Der Tag begann so wunderschön, wie der vergangene geendet hatte. Wir frühstückten im gepflasterten Innenhof unseres Landidyll-Hotels unter schattigen Linden mit emsiger Konzertbegleitung von der Zwitscherarmada.

Wir könnten uns kaum losreißen und die Uhr zeigte schon fast 10:00, als wir aufbrachen. Dementsprechend heiß war es schon. Unsere Route bis Hitzacker bot allerdings noch einigen Schatten. Optisch sehr schön, akustisch weniger, weil wir die kürzeste Route entlang verkehrsreicher Straßen gewählt hatten.

Recht schnell war Hitzacker erreicht. Nach kurzem Versorgungsstopp im Supermarkt führen wir ins Zentrum. Sehr schönes Altstädtchen und ein Eis gab es auch. Die Fähre über die Elbe fanden wir schnell und konnten ohne Wartezeit übersetzen. Wir setzten die Fahrt also auf der Nordseite der Elbe auf dem gleichnamigen Radweg fort.

Hitzacker downtown mit Eisdiele.

Doch was war denn das? Kräftiger Wind, und auch noch meistens von vorne! Naja, gehört im flachen Norden ja irgendwie dazu und mit den Liegerädern lässt sich ja tatsächlich ohne viel Anstrengung noch eine zufriedenstellende Reisegeschwindigkeit erzielen.

Der Radweg geht immer entweder auf dem Deich oder hinter dem Deich her. Wir blieben meistens dahinter, was windtechnisch etwas besser war. Auf der Deichkrone hatte man doch immer wieder einen weiten Blick auf die Elbtalaue. Rechts flaches Land mit im wesentlichen nichts. Ab und zu ein winziges Dörfchen, wo aber meistens dem Radler etwas angeboten wurde, Speis und Trank oder ein Bett. Und Deichschafe. Die mit den zwei verschieden langen Beinen.

Kein Deichschaf, aber ein Deichstorch. Der sich an den Radfahrern überhaupt nicht störte.

Kilometer um Kilometer führen wir so dahin, manchmal nach Richtungswechsel sogar mit Schiebeunterstützung. Der Wind kam aber nicht von ungefähr. Wir rollten auf e8ne schwarze Wand zu, von der am Rand schon regelrechte Regenvorhänge sichtbar waren. In Boizenburg entschieden wir uns daher, im Café Stenschke Unterschlupf zu suchen. Radler gab es zwar keines, aber köstlichen Kuchen und einen guten Kaffee. Und vermutlich Mitteleuropas umfassendste Sammlung an Kaffeekannen. Überall standen Prachtexemplare herum, und sogar draußen dienten sie zur Deko.

Café Stenschke in Boizenburg. Kaffeekannen satt.

Über eine Stunde mussten wir warten, entgingen aber einer kräftigen Schüttung. Und danach hörte es tatsächlich wieder komplett auf. Die letzten Kilometer Elberadweg brachten überraschenderweise einen richtigen Berg mit schön langgezogener Abfahrt.

Kurz vor Lauenburg schlugen wir wieder konsequent nördliche Richtung ein. Wir entschieden, noch bis Büchen zu fahren, weil dort eine Übernachtungsmöglichkeit in einer Pension zu finden war.

Büchen ist ein touristisch völlig unterbelichteter Ort, es hat auch so gar nichts Attraktives. Wir waren froh, nebst den verqualmten Bürgerstuben noch eine Pizzeria in der Nähe der Friedegart-Belusa-Schule zu finden. Die versorgte uns auch ganz ordentlich und rettete uns somit.

Friedegart Belusa leitete übrigens lange Zeit die Büchener Bahnhofsmission. In diesem Grenzbahnhof kamen in den 50ern zunächst die Spätaussiedler, ab den 60ern die DDR-Rentner. In 39 Jahren hat sich die Büchener Bahnhofsmission wohl um etwa 5 Millionen Menschen gekümmert.

Alleen und Pflastersteine

Grafhorst – Beetzendorf – Salzwedel – Lüchow – Lübeln 83 km

Jetzt war komplett der Hochsommer ausgebrochen. Die Prognosen sprachen von Höchsttemperaturen von bis zu 33°. Wer will da nach Südfrankreich?

Schon bei den ersten Kilometern atmete der Tag die kommende Hitze. Glücklicherweise verliefen die ersten Kilometer schön schattig und naturnah durch den Drömling, einem Naturpark in der Altmark. Und zwar zunächst auf hervorragend neu gestaltetem Plattenweg, der sich sehr gut fuhr. So geht das, liebe Ostlandkreise, die ihr zum Teil uns Radlern immer noch heftigste Wege präsentiert.

Im Drömling. Ausnahmsweise mal ein richtig guter Fahrweg, nur für uns.

Auch als wir auf eine Landstraße einschwenkten, war diese immer noch schön von Alleebäumen beschattet. Und bemerkenswert verkehrsfrei. Höchstens alle paar Minuten mal ein motorisiertes Fahrzeug, schier unvorstellbaren unserem Land. Und es trällerte aus verschiedensten Vogelkehlen und die Frösche hielten stimmlich voll dagegen. Ein wahres Konzert.

In Beetzendorf rollten wir direkt am Freibad vorbei. Ein willkommener Anlass, uns abzukühlen und die Badesaison einzuleiten. Das Wasser im Becken war allerdings ziemlich lauwarm und die Dame am Kiosk mit den diversen Pommes- Frikadellen- und Eisbestellungen hoffnungslos überfordert. So warteten wir ewig auf unseren Mittagssnack, der dann auch nicht wirklich gut ausfiel.

Einigermaßen erfrischt setzten wir uns wieder auf die Straße. Die Alleen wurden allerdings seltener, und vor allem die bisher vorzüglichen verkehrsfreien Wege für Radler waren immer öfter Hoppelpflaster oder schrecklicher Schotter. Und dazu lief es auf den guten Sträßchen mit Rückenwind super, da empfindet man solch schlechte Oberflächen als doppelte Ausbremsung.

So suchten wir Asphalt. Was uns einige Kilometer in die Realität deutscher Bundesstraßen führte, die wir gerne dann auch wieder verließen.

Wir erreichten zur besten Kaffeezeit Salzwedel. Auch das wieder ein sehr hübsches Städtchen. Und da man sich ja sonst nichts gönnt, gab es hier zuerst ein Eis und dann noch im traditionsreichen Café Krug Torte und Kaffee.

Café Kruse in Salzwedel. Erste Adresse nicht nur für Baumkuchen.

Noch ein Stückchen, dann hätten wir Lüchow erreicht. Waren wir heute fast den ganzen Tag in Sachsen-Anhalt unterwegs gewesen, hatten wir hier wieder einen Grenzübertritt. Aber Lüchow empfing uns sehr unfreundlich. Laut, verkehrsverseucht, die Druchgangsstreaße staubig und unattraktiv und immer noch schrecklich warm. So suchten wir eine Übernachtung, die ein bisschen außerhalb lag.

Und wir entdeckten eine so schöne Alternative, die wir uns nicht im Traum hätten vorstellen können. 5 km westlich von Lüchow liegt das Dorf Lübeln, ein sehr gut erhaltenes Rundlingsdorf. Und eben auch deswegen erhalten, weil hier alles in Gastronomie und Museum umgewandelt wurde, daher natürlich kein ursprüngliches Dorfleben mehr (was es so sowieso nicht mehr gibt, offensichtlich), sondern ein richtiges Freilichtmuseum. Schöne alte Klinker-Fachwerkbauten, die hier völlig von der Natur umgeben sind. Unser Hotelzimmer hat direkten Zugang zum Außenbereich, wo jetzt noch ein ähnliches Naturkonzert wie heute früh gegeben wird. Kein Netz und kein WLAN, aber wunderschön!

Im Rundlingsdorf Lübeln

Niedersachsens sanftes Gewell

Wernigerode – Heiningen – Wolfenbüttel – Bornum – Grafhorst 107 km

Plötzlich schien Sommer befohlen worden zu sein. Wir könnten schon nach dem Frühstück in kurz-kurz aus dem schönen Wernigerode hinausrollen. So kehrten wir dem Harz mit seinem nicht sehr hübschen Haupthügel und seinen vielen Besuchern den Rücken zu. Anfangs streckte er noch den einen oder anderen Querfinger aus, die aber immer von gutmütiger Steilheit waren.

Hinter Ilsenburg und Darlingerode war absolut Ende mit dem Harz. Zum einen wurde das Land merklich flach, zum anderen war vom einen auf den anderen Moment wieder komplette Ruhe eingekehrt. Die Straßen führten jetzt auch lange geradeaus, vor jeder Kurve wird hier per Kurvenwarnschild gewarnt.

Blick zurück zum Harz, ansonsten wurde es flach.

Ein frischer Wind fegte über das Land. Anfangs wehte er uns ab und zu noch lästig entgegen, die Routenplanung sah aber ein allmähliches Einschwenken in nordöstliche Richtung vor. Er schob uns also immer öfter vor sich hin, was wir ihm sehr dankten.

In Heiningen rasteten wir in der „alten Schmiede“. Ein etwas knorriger Wirt servierte uns allerbesten Spargel, während unser Tischnachbar von seinen Bienenvölkern und der Imkerei erzählte.

Weiter ging es über die flachen Wellen durch beschauliche Dörfer, über viele Alleen und ansonsten Ackerland, so weit das Auge reichte. Hin und wieder war ein Fleckchen Wald zu durchfahren. Unsere ungewöhnlichen Zweiräder wurden heute meistens von Pferden in allen Farben bewundert. Die Niedersachsen lieben offensichtlich ihre Reittiere.

Das kulturelle Highlight des Tages war die City von Wolfenbüttel. Ein hübsches Städtchen mit allerlei ansehnlichen Gebäuden. Und einem Eiscafé, obligatorisch am Tag ins Programm einzuplanen.

Wolfenbüttel

Unspektakulär rollten wir durch ähnliche Landschaft weiter. Den Elm, ein weitaus kleinerer Waldhügel als der Harz, umfuhren wir ostwärts. Eine weitere Getränkerast legten wir in einem wunderschönen Gutshof und dessen schattigem Außenbereich ein. Drinnen war fürstlich für eine Gesellschaft gedeckt, und einer der kleinen Gäste, dem gerade ziemlich langweilig war, weil seine Kusinen zum Mittagsschlaf verdonnert worden waren, klärte uns auf. Seine Oma feierte ihren 80. hier und er werde ihr später zwei Stücke auf der Geige spielen.

Der Lindenhof in Bornum.

Dann meldete sich schon der Speckgürtel von Wolfsburg und mit der Ruhe war es zeitweise zu Ende. Warum heißt das eigentlich Speckgürtel? Verkehrsgürtel würde besser passen. Und gefühlt alle mit dicken Schlitten von VW oder Audi unterwegs. Schnell weg hier.

Zum Glück ging es zum Allerradweg dann noch mal schön lange bergab. Als wir diesen erreichten, dürften wir uns noch mal auf einem richtig angenehmen ruhigen Waldradweg das letzte Stück erholen. Nur noch ein paar Kilometer, dann fanden wir ein hübsches Hotel in Grafhorst, wo wir auch sofort den doch wieder stark zurückgekehrten Hunger bekämpfen können.

Wernigerode und der Brockenrummel

Ruhetag 0 km

Heute blieben die Wölfe artuntypisch im abgeschlossen Gitterabteil der Hoteltiefgarage. Ein Ruhetag war das Programm. Ruhe allerdings nur bezüglich der Fahrradkilometer. Wir wollten auf den Brocken, allerdings mit der Harzer Schmalspurbahn und teilweise zu Fuß.

Die Fahrt mit der Bahn selbst ist ein Erlebnis. Haben wir hier doch mit der Harzer Schmalspurbahn den Betreiber des europaweit größten ganzjährig dampfbetriebenen Streckennetz. Was in Zeiten von höher, schneller, weiter doch sehr beeindruckt, weil die Bahn sehr gemächlich den Berg hinaufschnauft.

Wie in alten Zeiten…

Wir führen auf dem Hinweg bis Schierke, um von dort den restlichen Weg bis auf die Brockspitze zu laufen. Nicht viele folgten unserem Beispiel, die meisten lassen sich heraufschnaufen und fahren dampfbetrieben wieder hinunter. Deswegen wunderten wir uns anfangs über die Ruhe – kaum jemand unterwegs. Mein Plan wäre nämlich ursprünglich gewesen, mit dem Fahrrad hinaufzufahren, was ich 8n Anbetracht der zu erwartenden Menschenmassen auf dem Fahrweg verworfen hatte.

Wir näherten uns dem Gipfel. Je näher wir kamen, um so mehr verdichtete sich die Menschenmenge. Oben angekommen wäre eher Rummelplatz. Wir gönnten uns eine Erbsensuppe mit Bockwurst – Pflicht dort oben, sie war auch trotz Massenandrangs sehr gut – um wenig später schon wieder im Zug ins Tal zu sitzen. Die nächste Verbindung wäre sehr ungünstig gewesen.

Schön war es dort oben auch nicht wirklich. Ziemlich zügig und bewölkt, markante Zweckbauten stehen herum und vor allem der Wald sieht zur Zeit zu großen Teilen ganz grauenhaft vertrocknet aus. Hangweise stehen nur noch graue vertrocknete Fichtengerippe herum. Wir schoben das zunächst auf die Klimakatastrophe, aber eine kurze Smartphonerecherche erklärte das Phänomen: die Fichtenmonokultur wird vollständig dem Borkenkäfer überlassen, der sich irgendwann selbst anschaffen wird. Dann nämlich, wenn sich zwischen den umgefallenen Bäumen einheimischer Laubwald von selbst wieder angesiedelt hat. Man möchte so richtiggehend einen Urwald „erschaffen“. Bis dorthin sieht das Landschaftsbild allerdings ziemlich trostlos aus.

Auf den ersten Blick kaputter Wald, soweit das Auge reicht. Dabei geht nur die unselige Monokultur kaputt.

Zurück in Wernigerode genossen wir noch das muntere Treiben in dieser quirligen, wohltuend lebhaften Kleinstadt. Mit dem Tourismus hat es diese Stadt geschafft, sich am Leben zu erhalten. Dafür ist es natürlich schon wieder eine ganze Masse Menschen, die z. B. an solchen verlängerten Wochenenden in die Stadt und die Gegend einfällt.

Ordentlich was los in Wernigerode.

Nichtsdestotrotz hat uns Wernigerode sehr gefallen. Morgen geht es weiter Richtung Norden, wir rollen langsam aus zur Ostsee.