Im Wind

S’Gravenzande – Hoek van Holland – Rockanje – Stellendam – Renesse 65 km

Der herzliche Empfang von gestern abend setzte sich mit einem ebenso herzlichen und reichhaltigen Frühstück fort. Gemütlich plaudernd saßen wir mit unseren Gastgebern am großen Esstisch.

Daher wurde es wieder etwas später. Dennoch legten wir eine kleine Shoppingrunde ein, Handschuhe und Dichtmilch hatten gefehlt. Deswegen wurde es nach elf Uhr, als wir endlich den richtigen Pier in Hoek van Holland gefunden hatten. Der nächste Katamaran auf die andere Seite fuhr denn auch erst nach 12. So verbummelt sich schon mal ein halber Tag.

Die Überfahrt war allerdings schon mal das erste Highlight des Tages. Der „Schaffner“ Barry nutzte die Überfahrt als Bühne und präsentierte uns eine unterhaltsame Show. Er parlierte mit allen anwesenden Nationen in den jeweiligen Landessprachen ein paar Worte und erfand für jeden ein neues Tarifsystem. Außerdem zeigt er uns faul auf der Sandbank liegende Seehunde, für die er auch gleich Gebühren kassieren wollte.

Einige Kilometer mussten wir Hafengebiet durchqueren, nach denen wir wieder wie als hätte man das Programm umgeschaltet in die Natur einbiegen konnten. Heute war nur noch ein wenig Dünenprogramm wie die letzten Tage. Unsere Route führte ein wenig durchs Landesinnere, wo anheimelnder Mischwaldbestand sich abwechselte mit dörflich-landwirtschaftlichen Ecken. Hühner liefen uns nicht nur einmal über den Weg. Von Automobilen im wesentlichen weit und breit weder etwas zu hören noch zu sehen, beinahe unwirklich mutete das bisweilen an.

Der Wind hatte inzwischen gut zugelegt. Zum Glück war unsere Richtung meistens günstig, wir hatte aber auch Abschnitte mit Seiten- oder gar Gegenwind. Mit ordentlicher Kraft blies er uns dann entgegen, und wir waren um jede Kurve froh, mit der wir wieder eine etwas günstigere Richtung einschlugen.

Die Sonne war aber wieder nachhaltig zugegen. Deswegen musste zumindest ein kurzer Strandaufenthalt sein. Im Windschatten war es sogar richtig angenehm, Swen traute sich tatsächlich, kurz in die deutliche Brandung einzutauchen. Mir zog es zu gewaltig.

Ein Stückchen weiter war mitten auf dem Verbindungsdamm zweier Halbinseln eine Insel mit Strand und -Restaurant. Viele Kitesurfer waren offensichtlich begeistert über die Windverhältnisse. Die Terrasse war gut windgeschützt für die nicht kitesurfenden Gäste. Eine großartige Kulisse für zwei Radler, die zwei Radler zu sic nahmen.

Danach huschten wir nur noch ein paar Kilometerchen vor dem Wind her zu unserer Unterkunft. Wir hatten Mietzelt, ein sog. Glampingzelt auf einem schönen Campingplatz gemietet. Ein beeindruckend großes Stoffhaus im Safari-Stil, allerdings außer Enten und Karpfen im Campingteich keinerlei wilde Tiere rundherum. Mit Bett, Licht und Radiator, was auch den legendär höchsten Camping-Übernachtungspreis meines bisherigen Lebens rechtfertigt.

Bilder gibt es erst morgen, das Campingplatz-WLAN ist zu schwach.

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In den Dünen

Wijk aan Zee – Ijmuiden – Zandvoort – Katwijk – Scheveningen – s’Gravenzande 100 km

Holland zeigte sich heute früh von der ungemütlichen nassgrauen Seite. Wir zögerten unseren Start hinaus, bis es fast nicht mehr regnete. Der feine Niesel ließ uns allerdings zunächst mit Regenzeug starten. Will ja auch mal gebraucht werden, so Regenzeug.

Der erste Plan war, am sog. Nordpier überzusetzen an das südliche Ufer der Ij-Mündung. Wir waren ja auch fast am letzten Zipfel, also ein kurzes Stück Weg. Dieser führte direkt an gestern schon besagtem Stahlwerk vorbei, was der grau-feuchten Stimmung noch das besondere Ambiente verlieh. Das Highlight dieser ersten Etappe waren allerdings schottische Hochlandrinder, die uns gemütlich beim Vorbeiradeln anglotzten. Inmitten eines kleinen Skulpturenpark. Skulpturen aus Stahl, versteht sich.

Zottiges im Skulpturenpark am Stahlwerk.

Am Nordpier suchten wir den Fähranleger. Ein reges Treiben – trotz des schlechten Wetters – von sturmfest gekleideten Anglern und in Neopren gewandeten Surfern, die zumeist barfuß vom Parkplatz zur Brandungszone liefen.

Am Fähranleger dann die kleine Enttäuschung: das Bootchen wäre vor einer halben Stunde gefahren und erst um viertel vor zwei wieder. Wir fuhren dann natürlich das Stahlwerk-Wegstück zurück und konnten dadurch ein zweites Mal die stoischen Rinder (und diese uns!) anschauen.

Ein Stückchen weiter östlich führt dann eine regelmäßig verkehrende Fähre über die Ij, auf die wir ohne Wartezeit hinausrollen konnten. Ratzfatz waren wir drüben.

Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen. Der Himmel war zwar noch immer wolkenverhangen, aber es war nicht kalt und der mäßige Wind kam von hinten und schob uns sanft in unsere Richtung. Meistens hatten wir eine schöne Route in schon von gestern bekanntem Dünensetting, allerdings heute fast immer auf allerbestem Rollerasphalt.

Wir passierten Zandvoort (schrecklich hässlich), Nordwijk (immer noch hässlich genug) und pausierten in Katwijk (ganz nett). Hier hatte ich 2010 auf meiner Nordseeumrundung übernachtet, ich erkannte aber nix wieder. Dafür gab es eine Bockwurst serviert von einer perfekt deutsch sprechenden freundlichen jungen Frau, die uns verriet, dass sie einen deutschen Vater habe.

Kultur in Nordwijk

Weiter ging die Fahrt in den Dünen. Irgendwann verlor ich die Nordseeroute und wir fanden uns in ungewohnt urbaner Gegend wieder. Die Schilder wiesen hier auch Richtung Den Haag Zentrum. Na gut, dann eben dort lang. Aber als wir kilometerlang entlang einer vierspurigen Straße geführt wurden, wurde uns das zu bunt und wir suchten wieder eine urlaubsfreundliche Route. Die zunächst durch eine parkähnliche Landschaft mit eindrucksvollen Landgütern führte, bevor wir wieder den schönen Dünengürtel erreichten.

Kleines Binnengewässer in den Dünen

In Scheveningen (wieder ziemlich furchtbar) gab es am Strand ein erstes Radler. Wir buchten unsere Unterkunft, fast blind über Google Maps. Ein B&B in einem Ort mit dem beinahe unaussprechlichen Namen s’Gravenzande.

Eine letzte Stunde durch die Dünen führte uns schlussendlich an gewaltigen Gewächshäusern vorbei in ein typisches Einfamilienhaus-Wohngebiet. Im B&B „de Sluiswachter“ wurden wir dafür aufs herzlichste empfangen. Man kochte uns erst mal einen Tee und wir mussten am großen Esstisch von unseren großen und kleinen Abenteuern erzählen. Mal eine Abwechslung zu den bisherigen Hotels: hier ist einfach das Dachgeschoss für Gäste ausgebaut.

An die Nordsee

Enkhuizen – Heerhugowaard – Alkmaar – Edmond aan Zee – Wijk an Zee 90 km

Das Wetter zeigte sich heute früh nicht mehr ganz so freundlich wie die letzten Tage. Vor allem hatte Holland die Windmühlen eingeschaltet und wir hatten einige km gegen den Wind. Was natürlich auf einem Liegerad immer erträglicher als mit einem aufrechten Fahrrad ist, merklich ist das aber schon.

Durch gewohnt dörflich-landwirtschaftliches Setting ging es wieder westwärts. Wir fuhren entlang der nördlichen Kante der Halbinsel, auf der sich Enkhuizen befindet. Sehr schön war ein Abschnitt, der einige km auf der Deichkrone entlang führte. In einem so flachen Land hat man schon auf dem Deich eine wunderbare Aussicht.

Nach 20 Kilometern regt sich ja gemeinhin beim Radtourenfahrer das dringende körperliche Bedürfnis nach Kaffee. In dieser ruhig-dörflichen Gegend – man könnte es auch plattes Land nennen – erwies sich die Erfüllung dieses Bedürfnis allerdings als schwierig. Ein hübsches Dorf nach dem nächsten kam, aber höchstens geschlossene Gastronomie.

Dafür sah ich schon eine ganze Weile auf meiner niederländischen Radrouten-App, dass wir uns einem orangenen „R“ auf der Karte näherten. Und dann stand tatsächlich ein Schild mit Kaffeetasse dort. Keiner da, aber ein Lädelchen mit Milchprodukten vom Bauernhof mit Selbstbedienung und Bänkchen hinter dem Bauernhaus. Und dann kam doch noch der Bauer höchstpersönlich vorbei, zeigt uns den hübsch eingerichteten Rastraum für Wanderer und Fahrradfahrer mit vorhandener Selbstbedienungskaffeemaschine. Wir konnten uns mit Beerenquark, Bauernhofeis, Kaffee und Sirupwaffeln stärken. Perfekt, tolle Einrichtung.

Am Rustpunt. Schöne Einrichtung für Wanderer und Radfahrer

Dann wurde das Setting wieder urbaner. Auf teilweise perfekten Fahrradstraßen mit Schildern „Liebe Autofahrer, ihr seid hier nur zu Gast“ rollten wir nach Alkmaar hinein. Diese Stadt ist berühmt für den traditionellen Käsemarkt, der natürlich genau heute nicht stattfand. Nichtsdestotrotz eine schöne Altstadt, die wir bei einem Radler am Biermuseum und auf der folgenden Radroute durch die Stadt, die alle schöne Ecken mitnahm, genossen.

Jetzt war es nicht mehr weit bis zur Nordsee. In Egmond aan Zee zogen wir die Schuhe aus und liefen durch den feinen Sand bis ans Wasser. Mit den Füßen waren wir drin, mehr war heute nicht angesagt: zu frisch der Wind, zu ungemütlich die Wellen.

Das letzte Teilstück verlief mitten durch die Dünen. Fast wie ein kleines Gebirge muteten diese manchmal an. Natur pur für 20 km: windgebeugte kleingewachsene Strandkiefern, Heidekraut, immer wieder Flecken hellen Sands. Der Weg allerdings ein wenig rumpelig.

Dünen“Gebirge“ soweit das Auge reicht

Unser Zielort Wijk aan Zee war dann auch bald erreicht. Vom Stahlwerk direkt im Kreut des Orts bekommt man zum Glück kaum etwas mit. Wir fanden ein entzückendes Hotel und hatten direkt am Meer mit malerischer Wolkenkulisse ein schönes reichhaltiges Abendessen.

Nordsee-Drama

Ans IJsselmeer

Amsterdam – Monnickendam – Volendam – Hoorn – Enkhuizen 75 km

Auf derselben lauschig grünen Parkroute wie am Vortag radelten wir ein letztes Mal in die Mitte von Amsterdam. Nördlich des Hauptbahnhofs erwischten wir ohne Wartezeit die kostenlose Fähre auf die Nordseite hinüber. Dort ging es zunächst noch genauso lauschig grün weiter, bald war man aus dem Stadtgebiet von Amsterdam allerdings hinaus, Amsterdam ist eine doch ziemlich kleine Metropole.

Über flaches Land führte unsere Route zumeist an kleinen Kanälen entlang. Rechts und links saftig grüne Wiesen oft mit Kühen oder Schafen bevölkert. Nach einem Weilchen ruhigen Gerolls führte die Route über einen Kanal hinüber, eine weitere Fährüberfahrt.

Hier mussten wir einen Moment warten, die Fähre legte eben drüben an. Mit uns wartete ein weiterer Passagier. Ich sprach ihn auf deutsch auf sein deutsches Fahrrad an, und tatsächlich war er Deutscher. Und sogleich stellte sich heraus, dass er ganz froh war, dass er nicht allein war, da er die wenngleich minimalen 25 Cent für die Fährüberfahrt mangels vorhandenem Kleingeld nicht begleichen konnte. Großzügig übernahmen wir das für ihn. Nicht dass der Fährmann noch auf dumme Gedanken gekommen wäre….

Bis nach Monnickendam radelten wir gemeinsam und plauderten. Dort wollte er ein paar Freunde mit einem Segelboot treffen, mit denen er zwei Tage auf Törn gehen wollte. Spontan lud er uns ein, zum Hafen und zum Boot mitzukommen, wir bekämen dort einen frisch gebrühten Kaffee. Gesagt, getan, er stellte uns seinen vier netten Kumpels vor, wir saßen bei schönstem Sonnenschein auf dem schicken Boot und hatten so unsere erste Kaffeepause. Sehr nett, Dankeschön!

Markt in Monnickendam

In Monnickendam war Markt, den wir anschließend noch besuchten. Ein nettes Städtchen, in dem gemütlich das Kleinstadtleben pulsierte. Die Städtchen hier in der Gegend sind alle ähnlich putzig: Niedrige Klinkerhäuser mit großen Fensterfronten und schönen Eingangstüren. Dazwischen immer bunte Blümchen.

Wir passierten noch einige -dams: Volendam, Edam, Schardam. In Edam tankten wir zunächst noch mehr Sonne in einem hübschen Straßencafé, um dann so richtig aufgewärmt in das dortige Strandbad einzufallen. Wir wagten tatsächlich den Sprung ins Markermeer (so heißt der südliche Teil des Ijsselmeers). Lange hielten wir das nicht aus, war doch eher kühl, das Wasser. Wir waren auch die einzigen Badegäste – die verrückten Deutschen mit ihren komischen Rädern eben.

Strandbad in Edam.

In Hoorn hielten wir noch mal: ein etwas größeres Städtchen, was dem Kap Hoorn seinen Namen gegeben hatte. Viel los auch dort, alle genossen das schöne Wetter des Samstags. Wir stärkten uns für den Rest der Strecke mit Poffertjes (Lekker!) und gingen die restlichen Kilometer an.

Zwischen Hoorn und Enkhuizen führt die direkte Strecke durch endlose Vororte, wie es schien. Ich wollte nicht die Küste abfahren, weil diese doch einige Umwegschlenker macht. Auch Küstenverläufe entstanden selten nach Anforderungen von Tourenradlern.

Enkhuizen war dann aber bald erreicht. Ist ja doch sehr flach, das Land und die Kilometer rollen sich ziemlich leicht weg ohne Wind. Unser gebuchtes Hotel direkt am Hafen war schnell gefunden. Wieder ein schöner Ort und ein schönes Etappenziel.

In Amsterdam

Stadterkundung war heute das Programm. Selbstverständlich per Rad.

Über eine neue, sehr schön grüne Route fanden wir das Zentrum von Amsterdam heute früh ohne Probleme. Swen hatte sich gut vorbereitet und einige Dinge zusammengestellt , die wir heute besuchen wollten. Unser erster Stop war auf dem Dam, einem großen Platz umsäumt von großstädtischen altehrwürdigen Fassaden, zum Beispiel der königliche Palast, der dort rumsteht. Man steht ja immer auf solchen Plätzen, bestaunt die Bauten ein wenig und zieht dann weiter. Zu bestaunen waren auch haufenweise Tauben, denen es am Markusplatz in Venedig bestimmt inzwischen zu warm ist und die einen weiter nördlichen Lebensmittelpunkt gewählt haben. Gefüttert werden sie hier wie dort von entzückten Touristen.

Am Dam. Viele Tauben.

Der nächste Besuchspunkt war das Rotlichtviertel rund um die Oude Kerk. Man sah allerdings außer ein paar wenigen sehr üppigen dunkelhäutigen Damen recht wenig Personal in den Auslagen. Die meisten waren wohl noch am Ausschlafen nach einer vermutlich langen Nachtschicht. An der Oude Kerk selbst fanden wir ein sehr nettes Café mit hübschem kleinen Garten. Das Viertel selbst ist eines der vielen grachtendurchzogenen Quartiere mit schier endlos schönen alten Häusern.

Cafégärtchen an der Oude Kerk

Danach steuerten wir das Viertel rund um das Amsterdam Museum an. An einem Platz mit dem lustigen Namen Spui schlossen wir unsere Räder ans Geländer. Man muss aber immer Ausschau halten: es gibt durchaus Parkverbotsschilder für Fahrräder. Bei Nichtbeachten wird die Entfernung angedroht und das Schloss wird dann nicht ersetzt.

Immer ein Stückchen radelnd und dann wieder zu Fuß ein Quartier erkundend setzten wir den Tag fort. Zuletzt schlenderten wir durch den Jordaan, ein lebhaftes Multi-Kulti-Viertel mit wohltuend bunt-verschiedenen Geschäftchen und Lädelchen. In einem überquellenden Second-Hand-Laden erstand Swen ein crazy buntes Hemd. Zum Abschluss genossen wir noch ein Bier auf der Piazza am Ende der Elandsgracht. Auch hier – wie eigentlich überall – faszinierend, der viele Verkehr, aber eben gechillt und fast immer lautlos alt und jung und groß und klein und selten dick und dünn auf dem fast immer gleichen Fahrradtyp. Dazwischen ein paar Automobile, die eindeutig das Nachsehen hatten.

Second-Hand-Laden, völlig überquellend mit haufenweise crazy Klamotten

Zum Abschluss des schönen Tages wählten wir wie am Vorabend die Route durch den Vondelpark. Hier entdeckten wir gestern schon einen wunderschönen Biergarten, „De Vondel Tuin“, den wir heute in real ausprobierten. Meine Portion war ein bisschen klein, Swens Bier ein bisschen so-la-la, aber ansonsten ein schöner Ort.

Überall so schön: Grachten, Brücklein, Boote und schöne alte Häuser

Eine sehr angenehme Großstadt ist Amsterdam. Und an das Gewühle im Fahrradverkehr gewöhnt man sich tatsächlich. War Berlin letztes Jahr im wesentlichen laut, stinkend und dreckig: Amsterdam ist das Gegenteil. Leise, ziemlich gute Luft (bis auf den Geruch von Dope an jeder Ecke) und abgesehen von Fahrrädern schlicht überall ziemlich aufgeräumt.

Nach Amsterdam

Die Reise begann wie üblich mit der Anreise. Diese fand wieder mit der Bahn statt, die Fahrradplätze im ICE waren schon lange gebucht. Was auch alles sehr gut klappte, die ganze Fahrt war sogar unproblematisch und sogar unspektakulär. Der größte Aufreger war der Kaffee im Ulmer Bahnhof: in der „Back-Factory“ (was für ein übles Denglisch), in der es nicht einmal mehr Stehtische gab und folglich das Konzept „ToGo“ völlig umgesetzt war, zogen wir uns einen Pappbecherkaffee. Die schreckliche Plörre hatte außer der Farbe mit Kaffee wenig gemein.

Kurz vor Amsterdam dann ein kurzer Moment der Pulserhöhung. Der Zugebegleiter sprach uns zuerst auf Holländisch an, er war offensichtlich nicht einverstanden mit der Anwesenheit unserer Fietsen. Zur Rush-Hour sind die wohl im niederländischen IC nicht gestattet. Unsere internationalen Fahrradkarten bewahrten sie jedoch wirksam vor dem Rausschmiss auf offener Strecke und wir erreichtem Amsterdam planmäßig.

Der erste Eindruck war wie üblich: heftiger Verkehr auf dem Vorplatz. Aber nicht, wie in den meisten europäischen Großstädten üblich mit Automobilen, Bussen und Straßenbahnen – nein: Fahrräder ohne Ende. Durchmischt von Mofarollern. Wir mussten zunächst ein wenig inne halten, um das zu verdauen: ein einziges Gequirl und Gewusel von Zweirädern, die teilweise aufs engste aneinander vorbeirauschten. Großstadtverkehr von der hektischsten Sorte, aber weitgehend laut- und gestanklos. Wahnsinn.

Wo man hinschaut, Fahrräder. Sowohl der ruhende als auch der stehende Verkehr.

Noch besser war der Eindruck allerdings, als wir uns selbst todesmutig mit unseren Liegen in dieses höchst anarchische System hinein stürzten. Wenn man anhält, hat man verloren. Kalkutta downtown auf Hollandrädern. Und die gräßlichen Mopeds zwischendrin. Gute Erziehung kann man hier zuhause vergessen, es gilt, mitzuschwimmen.

Der Holländer ist ja nach wie vor auf dem Modell Hollandrad unterwegs. Nabenschaltung, breiter Lenker und komplett aufrechte Sitzposition. Ganz Europa ergießt sich inzwischen in elektrifiziertem Mountainbike-Schickimicki, dem Holländer ist das egal, er bietet wie eh und je dem Wind aufrecht und rein biobetrieben die Stirn. Und übrigens alle ohne Helm.

Am Singel fanden wir eine Lücke am Geländer, um unsere Räder anzuschließen und ein nettes Restaurant gleich daneben. In der Sonne konnten wir an der viel befahrenen Straße ein schönes Abendmahl genießen. Völlig lautlos und sehr angenehm, weil ja nur Fahrräder.

Wölfe an der Gracht

Durch Vondel- und Rembrandtpark ging die Fahrt dann ganz angenehm bis zum Hotel im Nordwesten der Stadt. Der Geruch nach Dope an jeder Ecke begleitete uns. Gut gelaunt erreichten wir schlussendlich unser Hotel.

Wie es so war

Route

Unsere Route folgte grob dem Grenzverlauf der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Wir wählten bewusst eine eigene Route, die schon mal ca, 500 km weniger Strecke gegenüber des offiziell ausgeschilderten Iron Curtain Trail bzw. Grünes Band, dessen Route viel exakter der Grenze folgt, aufwies. Neben der Abkürzung war unsere Route auch um einiges höhenmeteroptimiert. Die ehemalige Grenzziehung war nicht wirklich an den Bedürfnissen zukünftiger Fahrradtouristen ohne E-Unterstützung ausgerichtet. Wir wollten auf dr anderen Seite auf jeden Fall an die Ostsee, was ja gelang.

Original-Grenzradweg, einer der üblen Original-Kolonnenweg-Abschnitte. Steil und sehr holprig.

Die Richtung bedeute dann allerdings auch trotz Optimierung zu Beginn viel Steigung und auch immer wieder recht steile Rämpchen. Wenn man auf Tour selbst etwas Eingewöhnung möchte, empfiehlt sich wohl doch eher die umgekehrte Richtung. Man fährt dann zwar insgesamt „bergauf „, was aber bei den einigen Hügeln, die zu überwinden sind, kaum ins Gewicht fällt.

Wir waren aber überwiegend auf ausgeschilderten Radrouten und ausgewiesenen Radwegen. Selten mal eine Land- oder Kreisstraße, Bundesstraße nur im Ausnahmefall und nur ein einziges kurzes Mal ohne, da hatten wir uns aber spontan dafür entschieden, weil die nichtasphaltierten Wege in dieser Gegend furchtbar schlecht waren. Es gibt aber inzwischen fast überall in Deutschland sehr gute ausgeschilderte Fahrradrouten. Ohne vorherige Routenplanung würde ich e8ne so lange Tour dennoch nicht angehen.

Landschaft

Deutschland ist ein wunderschönes Land. Vielfältige Mittelgebirgsgegenden mit bewaldeten Hügeln und grünen Auen, abwechslungsreiches Agrarland mit pittoresk verschlafenen Dörfchen. Artenvielfalt allerdings oft bloß noch auf den Randstreifen, im Osten aber viele ursprünglich wirkende Waldgebiete, bei denen man feststellen kann, dass in unserem Land wohl eher Laubwald heimisch ist. Der Klatschmohn blüht überall im Land, oft sehr hübsch gepaart mit Kornblumenblau. Wer muss da noch in die Provence?

Wir fanden viele schöne Wege.

Die schönsten Routenabschnitte erlebten wir im Saaletal zu Beginn der Tour, besonders die Abfahrt von Bad Steben nach Kronach war wunderschön. Die Rhön hat uns sehr gut gefallen und ist sicherlich noch einen zweiten Besuch wert. Im Norden war die Fahrt durch die Altmark und insbesondere durch den Drömling traumhaft grün und ruhig. Der Elbe-Lübeck-Kanal ist ebenfalls sehr schön, wurde aber auf die Länge etwas eintönig. Es war aber nirgendwo öde, hässlich oder entfernt unerträglich, wir genossen jeden Tag der Tour.

Orte

Kronach war die erste Entdeckung der Tour. Komplett erhaltenes Mittelalter auf einem Hügel gelegen und eine mächtige Burg, die über dem Städtchen wacht. Coburg hat eine sehenswerte Innenstadt mit beeindruckenden altehrwürdigen Gebäuden. Und man kam mit dem Rad gut hinein und gut wieder hinaus, ohne vom Laster überfahren zu werden. In Fladungen in der Rhön waren wir zu kurz: das Freilichtmuseum ist sicher einen Besuch wert und der Ort selbst auch ansehnlich.

Allendorf. Ultimativ pittoresk.

Das nächste absolute Highlight war Allendorf. So viel Fachwerk. Wüstheuterode gewann die Wertung um den bemerkenswertesten Ortsnamen. Neben der Bergwertung, die zur Erreichung dieses Orts zu absolvieren war.

Ganz ähnlich Wernigerode: viel erhaltenes Fachwerk und für eine Kleinstadt im ehemaligen Osten auch wohltuend lebhaft.

Unterkünfte

Oberster Favorit war Lübeln mit seinem hervorragend erhaltenen Rundlingsdorf. Hier stimmte natürlich auch das Wetter, sodass wir diese Atmosphäre im Freien genießen konnte. Zweifelsfrei das beste Hotel war das in Wernigerode, man bekam wirklich etwas für die drei Euro mehr. Und sogar das Personal war sehr persönlich und freundlich, sonst ist die Abfertigung in solchen Kettenhotels eher Schema F. Total nett waren auch die Betreiber im Hotel Krüger in Grafhorst. Diese hatten auch einen erfrischend neuen und damit modernen Hotelbau zu ihrem Bestand hinzugefügt und wir bekamen das schönste Zimmer. Einfach so.

Biergarten des Hotels Ebner in Bad Königshofen. Und hatte exklusiv für die Hausgäste Speis und Trank im Angebot.

Unterschiede

Wenn man entlang der ehemaligen Grenze unterwegs ist, schaut man natürlich genau hin, ob nach 30 Jahren noch Unterschiede zwischen Ost und West erkennbar sind. Ja, es gibt sie noch oder die Dinge haben sich auch in dreißig Jahren nicht wie gewünscht entwickelt.

An den Wegen merkte man oft, dass man in Thüringen, Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern unterwegs war. Nichtsdestotrotz muss man staunend feststellen, wieviel der Pflasterstraßen inzwischen durch guten Asphalt ersetzt wurden. Das Geholpere hielt sich in Grenzen.

Den Orten sieht man ihre jeweilige Vergangenheit auch noch gut an. So hat jeder Ort im Osten, so klein er auch war, seinen Wohnblock. Viel grauer Mörtelputz ist aber auch nicht mehr zu sehen. Die meisten Gebäude leuchteten in frischen Farben.

Andererseits wurden die grenznahen Gebiete ja konsequent entvölkert, und das ist sehr gut auch heute noch spürbar. Gerade in der Nähe der großen Städte Braunschweig und Wolfsburg ist der Westen voll, verkehrsverseucht und hektisch, wohingegen sich über der Grenze viel Natur erhalten konnte und in den letzten 30 Jahren noch üppiger werden konnte.

Trauriges

Schlimm ist der Zustand vieler Dörfer, sowohl hüben als auch drüben. Wenn keine Bundesstraße durchgeht, sterben die Orte. Nicht mal mehr Gasthäuser können sich erhalten, in erschreckend vielen kleinen Orten war nur noch Schlafstadt mit Vorgärten. Und Carports, versteht sich.

Auch die kleineren Städtchen bluten offensichtlich mehr und mehr aus. Läden stehen leer, in den hübschen Fußgängerzonen kaum Menschen. Das passiert sowohl hüben als auch drüben, wobei das Phänomen im Osten gefühlt noch etwas deutlicher zutage tritt.

Erfreuliches

Deutschland ist ein großartiges Radreiseland. Sehenswerte Natur, schöne Orte und überall freundliche Menschen, die den Radler mit Bett, Speise und Radler versorgen.